Schublade auf – Körper rein?

Solidarität statt Selbsthass als Antwort auf den Selbstoptimierungswahn

„91% aller Frauen hassen ihren Körper“, so melden es neuere Studien. Wie kann das sein? Wie kommt es dazu, dass Frauen – große, kleine, runde, schlanke, deutsche, amerikanische, australische, chinesische, iranische – weltweit mit ihrem Körper hadern, ihn hassen, ja sogar durch gefährliche OPs verletzen lassen?

Dieses Problems nimmt sich die australische Filmemacherein Taryn Brumfitt an, nachdem sie selbst versucht hatte, mit Bodybuilding ihren Körper nach der Geburt ihres Kindes so zu shapen, dass er dem gängigen (absurden) Ideal nahekam. Trotzdem bemerkte sie auf dem Höhepunkt ihrer Kontrolle über ihren Körper: Zu viel Lebenszeit verloren, zu wenig Glück gewonnen. Ihr Fazit lautete: Diätbücher wegschmeißen, Essen genießen, den eignen Körper nicht als Schmuckstück, sondern als Werkzeug wahrnehmen, wertschätzen und gut behandeln.

In ihrem Dokumentarfilm, der nur am 14. 5. 2017 in den Kinos in Deutschland zu sehen war und nun nur käuflich zu erwerben ist, geht sie dem Problem auf die Spur, warum wir Frauen unseren Körper nicht lieben, warum wir ihn optimieren, an ein absurdes Ideal anpassen und warum wir diesen Kampf eigentlich nie gewinnen können. Hierzu interviewt sie weltweit Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen dem „Schönheitskult“ und dem Selbstoptimierungszwang auf ihre ganz eigene Weise und teilweise nur nach schockierenden Schicksalsschlägen entsagen und nun ihren Körper (erstmals) lieben.

Ich möchte hier diesen Film nicht promoten, aber ich gebe zu, dass er mich tief berührt hat. Ich gehöre auch zu den 91% aller Frauen, die den Kampf gegen ihren eigenen Körper aufgenommen und – wie erstaunlich! – nie gewonnen haben. Das Schlimme daran: Wir können, wenn es blöd läuft, dieses absurde Ideal durch unsere eigene Unzufriedenheit, unsere Scham an unsere Töchter weitergeben. Oft sind die Mütter, obwohl sie nur das Beste wollen, ein Role-Model im negativen Sinne. Statt den Mädchen zu sagen: „Du bist hübsch“, sollten wir ihnen viel öfter sagen: „Toll, was du da machst, was du kannst!“ Das können wir aber nur authentisch tun, wenn wir selbst ein neues, ein positives, vielleicht sogar dankbares Verhältnis zu unserem eigenen Körper entwickeln und nicht dem Zwang erliegen, ihn stets und ständig shapen zu wollen. Es gibt ja nur diesen Einen für uns. Er ist speziell, einzigartig, er ist unsere Heimat und sollte doch wohl unser Freund sein… Also, Mütter: Beginnt euren Körper zu lieben, damit ihr euren Töchtern den Körperhass erspart.

Den eigenen Körper anders wahrnehmen.

Das ist aber gar nicht so einfach. Werden wir doch von Kindesbeinen an diesen optimierten Idealbildern und Aufforderungen ausgesetzt:
„Zieh den Bauch ein“, „Du musst Sport treiben, sonst kriegst du Orangenhaut“, „Zähle Kalorien, iss weniger Zucker, weniger Fett, mehr Vitamine“, „Männer mögen keine Frau mit dickem Hintern“, „So wie du aussiehst, kriegst du nie einen ab“.

Wie aber damit umgehen? Nun 50-jährig ist es ganz schön schwer, das Gehirn von heute auf morgen umzuprogrammieren, obwohl ich die Botschaft verstanden habe. Jeder Körper ist einzigartig: Rund bedeutet nicht hässlich, schlank nicht schön, speckig ist nicht gleich faul, knochig nicht fleißig. Auch ist ein runder Körper nicht per se krank, ein dünner nicht unbedingt immer gesund. Und Charisma lässt sich nicht durch eine Diät herbeihungern.

Als Feministin schäme ich mich fast zu sagen, dass auch ich diesem Mantra der Selbstoptimierung erlegen bin. Taryn Brumfitt hat eine Weltreise gemacht und einen Film gedreht, der eine Welle der Emotionen ausgelöst hat. Ich habe diesen Film in meinem Umfeld verliehen, ihn mit Familie, Freundinnen, Kolleginnen und Schülerinnen geschaut, ausgewertet, diskutiert. Es ist wirklich erstaunlich, wie emotional wir Frauen auf dieses Thema reagieren.

Sonjas Kunst-Hauptfachkurs mit Marlene, Yushuqi, Charlotte und Karina

Meine Schülerinnen waren so angerührt von dem Film, dass sie mutig beschlossen, sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen, und zwar in Form einer Kunst-Performance vor der gesamten Schulversammlung.
Sie nahmen den Teilaspekt der Schönheits-OPs besonders in den Fokus. Sehr berührt hat mich die Szene, als die Mädchen die Ärztinnen-Kittel wegschmissen, einen Kreis bildeten und sich mit der „Patientin“ solidarisierten, um ihr zu sagen: „Hey Mädchen, du bist schön, so wie du bist!“
Denn das ist auch ein Teil der Wahrheit: Nicht nur der männliche sexualisierte Blick macht uns zu Opfern dieses Schönheitsideals, sondern auch wir Frauen selbst tragen dazu bei, dass dieser Wettkampf um das Erreichen eines sich stets wandelnden Schönheitsbildes immer aktuell bleibt. Wir bewerten, hetzen, lästern, machen uns lustig über Frauen, die es offensichtlich nicht geschafft haben, ihre Formen in die gewünschte Form zu „pressen“. Ganz nach dem Motto von Frau Klum: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“

Keine Schubladen mehr!

Mein Vorschlag also:
Absurde Körperbilder raus aus den Köpfen! Leichter gesagt, als getan, ich weiß, aber die Schülerinnen haben mich mit ihrer Kunst ermutigt. Es könnte doch so einfach sein:
Frauen, umarmt einander, verbindet euch, sagt einander, dass ihr euch schön findet, was ihr an einander schön und wertvoll findet. Schönheit kennt kein Körpergewicht, Charisma keine Kalorien!

Oder wie wäre es, wenn wir unsere Körper gleich gar nicht mehr in die Kategorien ‚schön‘ oder ‚hässlich‘ packen lassen? Dieses Konzept scheint sich bei genauerem Hinsehen sowieso ad absurdum zu führen. Denn:  Wie kann jemand (Fremdes oder wir selbst) einen Körper überhaupt in diese Kategorie zwängen? Ein Körper ist nicht dazu gemacht, in eine Schublade zu passen. Vielmehr ist er dazu da, zu fühlen, sich zu bewegen und all die anderen phantastischen Dinge zu vollführen, von denen wir täglich profitieren.

 

Hier geht’s zur Performance!

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