Die magische 27

Der Herbst 1989 war für mich eine Zeit des Aufbruchs, des Ankommens, des Erkennens. Es war eine pulsierende, aufbrechende und aufbegehrende Zeit – mit vielen Gleichgesinnten. Gleichgesinnten in dem Sinne,  dass wir verändern und gestalten wollten, Altes abstreifen, reden, streiten, Neues kennenlernen.

Ich erinnere mich noch gut, dass wir im Sommer 1989 zusammensaßen und sich das, was sich dann im September Neues Forum nannte, quasi abzeichnete. Schon damals redeten wir über die erlebte Enge, Gängelei und Trostlosigkeit, aber auch über die gleichzeitige Freiheit und darüber, wie die DDR anders sein könnte:

Gerechter, freier, humaner, selbstbestimmter.

Es ist immer wieder schwierig zu erklären, wie es war, wie es sich anfühlte, was wir dachten und machten. Wir hassten und wir liebten unser Land, beides irgendwie.

Ich selbst war Sekretärin, oder eher Sachbearbeiterin in einem kleinen Betrieb, hier in Schwerin.
An Karriere und sowas hab‘ ich nie gedacht. Das wollte ich nicht! Ich wollte aber immer etwas anderes machen, nochmal studieren, oder wenigstens einen anderen Beruf erlernen. Aber in diesem Herbst wuchs so ein Gefühl in mir, dass sich etwas ändern könnte – sich ändern musste.

Wenn nicht für mich, dann für unseren Sohn Matti. Er sollte 1991 eingeschult werden, in dieses ideologisch manifestierte enge Korsett aus Gehorsam und Drill. Da wo Menschen zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden sollten. Das wollte ich definitiv nicht! Er sollte selbst bestimmen, was wichtig und gut für ihn ist, ohne sich in Egomanie und Selbstherrlichkeit zu verlieren. Ach ja: was waren das für Zeiten. Als wir mit wildfremden Menschen in unserer Küche am Obotritenring saßen und später, als wir mehr wurden, in der Bornhövedstraße. Nächtelang wurde debattiert, geraucht, getrunken, gestritten, gelacht. Wir haben uns so lebendig gefühlt, irgendwie frei.

Wir hatten nichts zu verlieren, außer unsere Angst.

Schwerin: Tausende DDR-Bürger passierten mit ihrem PKW den Grenzübergang Zarrentin im Bezirk Schwerin. Trotz zügiger Abfertigung kam es hier zeitweise zu Staus bis zu 2 Kilometern.
Schwerin: Tausende DDR-Bürger passierten mit ihrem PKW den Grenzübergang Zarrentin im Bezirk Schwerin. Trotz zügiger Abfertigung kam es hier zeitweise zu Staus bis zu 2 Kilometern.
Quelle: Bundesarchiv ADN-ZB-Pätzold-12.11.89)

Und dann ging alles so schnell. Mit einem Mal war der 9. November da und damit die Öffnung der Mauer. Für mich immer noch die Konterrevolution schlechthin.

Vorbei war es mit dem Aufbegehren, dem Verändern, dem Sich-wehren – mit diesem direkten Moment.
Am 10. November war beispielsweise unser Volkseigener Betrieb fast leer – alle im Westen, gaffen und sich laben. Und grad waren die drüben, die noch einen Tag vorher die Fahne hochgehalten hatten. Mit einem Mal war eine andere Zeit.

Was hat das mit der 27 zu tun? Ich war im Herbst 1989 27 Jahre alt, nein: jung. Und ich wäre nicht ich, wenn ich mich dem erlegen hätte. Schnell arbeitete ich verkürzt – was ich über 5 Jahre versucht hatte, klappte jetzt. Und bereits Mitte Februar 1990 hängte ich meinen Beruf an den Nagel und meldete mich arbeitslos. 200 Mark hatte ich monatlich und es war mir scheißegal. Es war meine beste Zeit: Zeit für mich, Zeit für das Kind, Zeit für Neues. Im Herbst 1990 gingen vier Frauen an den Start und bauten ein Autonomes Frauenhaus in Schwerin auf. Mit 27 habe ich ein neues Leben angefangen – ohne zu wissen, was kommt – und den Mut und irgendwie auch die Lust gehabt, diesen neuen, steinigen und unbekannten Weg zu gehen. Gut war ja, dass niemand so richtig wusste, wo das endet!

Das hatten wir Ostdeutschen gemeinsam.

Heute, 27 Jahre später (jetzt sind es nun schon 28 Jahre), muss ich oft an diese Zeit zurückdenken – an den Herbst 1989. Denn 27 Jahre später, also als ich 54 war, gab es einen neuen Ruck durch dieses Land, was ja nun auch meines war. Der Rechtspopulismus und Konservatismus, der offen ausgelebte Rassismus und die zur Schau gestellte Spießigkeit in einem enthemmten neoliberalen Kapitalismus und einer sich verändernden parlamentarische Demokratie, die feige Menschen ermöglichen. Das Gespenst AfD zog in die Parlamente, zog mit PEGIDA Menschen auf die Straßen und Groll entlud sich, in einer mir unbekannten Dimension und unbegreiflichem Ausmaß.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Seit langem ging und geht mir durch den Kopf: was wollen die Menschen, wo soll das hinführen – in eine Diktatur, einen Führerkult? Das was wir schon mal hatten, jetzt nur mit kapitalistischem Vorzeichen? Mit der Alternative für Deutschland meinen scheinbar viele Menschen ihr Heil zu finden oder ihren Protest gegen Angela Merkel mit einem Kreuz zu symbolisieren oder einfach einmal Macht zu haben. Sieht man sich das Wahlverhalten in Ostdeutschland an, kommt mir das Grausen. Gerade für mich als Ostdeutsch-sozialisierte ist dies aber schwer auszuhalten. Wählte doch ein Großteil dieser Menschen 1990 die blühenden Landschaften, sprich Helmut Kohl. Nun regten sie sich auf, dass sie als Volk nicht gehört werden, dass sie ihren Platz nicht gefunden haben, dass sie eigentlich unzufrieden und frustriert sind.

Aber stimmt das so? Ich selbst habe mit anderen Frauen das Autonome Frauenhaus 1990 mit der Alternativen Fraueninitiative ins Leben gerufen. Ja, richtig gelesen:

Alternative Fraueninitiative.

Ein Begriff mit wirklichem Inhalt. Wahrscheinlich fällt es mir deshalb so schwer, diesen Irrläufer der Jetztzeit zu verkraften. Nur bringt uns das nicht weiter, den Kopf in den Sand zu stecken und abzuwarten. Das war und ist nicht meine Art. Aber was tun?

Silke auf dem CSD in Schwerin, 2015

Mit 54, also zweimal 27, hat sich damit grundlegend nochmal etwas in meinem Leben verändert. Ich war fünf Jahre lang im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern für die Bündnisgrünen und es sollten am 4. September 2017 auch nur fünf Jahre bleiben. Wir verfehlten den Einzug mit 1.486 Stimmen. Ja, richtig gelesen: 1.486 fehlten. In den fünf Jahren fühlte ich mich oft wie eine Hamsterin im Laufrad, kaum Zeit und Kraft zum Atmen. Aber ich wollte Politik machen, ich wollte und will dieses Land zu einem besseren machen und ja, ich überspanne manchmal den Bogen. Aber jetzt mal ehrlich: solange es solche Parteien wie die NPD oder AfD gibt, ist es doch erlaubt, die Dinge beim Namen zu nennen und die Herrschenden aufzufordern, sich nicht auf ihrer Macht auszuruhen.

Gestalten, statt verwalten!

Erschüttert bin ich darüber, wie die Bündnisgrünen oft gesehen werden: als Verbotspartei, als Besserwisser, als Bedrohung von Überfremdung und einer offenen Gesellschaft. Da stimmt etwas im Bild nicht, in dem, was Politik leisten kann, leisten soll. Ich will keinen vormundschaftlichen Staat. Genau deswegen bin ich 1989 auf die Straße gegangen, damit dieser abgeschafft wird. Für Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Redefreiheit und Wahlfreiheit. Und genau deshalb bin ich immer noch bei Bündnis 90/DieGrünen.

27 Jahre später haben offensichtlich viele Menschen den Glauben an die Demokratie verloren. Das und genau das macht mich ratlos und sprachlos und das hat einiges zu bedeuten. Und auch deshalb habe ich im Herbst 2016 nicht das Handtuch geschmissen, sondern kämpfe weiter für Feminismus, Gleichberechtigung, Geburtshilfe, dialogische Politik und Beteiligung. Seit kurzem mache ich eine Weiterbildung zur Beteiligungsmoderatorin und bin bei ‚Kirche macht Demokratie‘ aktiv.

Wir müssen in Bewegung bleiben, egal wo.

Es lohnt sich immer für Ideale einzustehen!

2 Kommentare

  1. Ich bin so froh, dass dein Fazit so ausfällt, wie ich es hier gerade gelesen habe. Zeitweilig hatte ich große Sorgen, dass du dich zurückziehst, bei alldem, was du erlebt hast. (Hätte ich auch verstanden.) Aber du bist eben Silke, die Kämpferin, und so wie du es schilderst, hast du wieder Kraft gefunden. Du hast deine Ziel nicht aus dem Blick verloren und trittst weiter für sie ein. Da bin ich froh. Da mach ich mit! Danke, Silke!

    1. danke Sonja, aber ich habe nie die Kraft verloren, vielleicht die Zuversicht, dass sich doch was ändert. Verpflichtet bin ich nur mir selbst!

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