Pussy grabs back: Mein Netz gehört mir!

Facebook, Twitter, Internet-Blogs: Wer liest eigentlich all die persönlichen Ergüsse unbekannter Selbstdarsteller*innen? Seit ich meinen ersten eigenen Text auf dieser Seeweiber-Seite gepostet habe, überlege ich immer und immer wieder, ob und für wen das wohl in irgendeiner Weise relevant sein könnte.

Typisch weibliche Selbstzweifel!

Krass eigentlich. Während ich noch ausschweifend reflektiere, positionieren und präsentieren sich milliardenfach Menschen gedankenlos und selbstverliebt da draußen im World Wide Web: Sie posten, klicken, liken, bloggen. Und nun ich mittendrin im Netzwerk dieses irren Selbstdarstellungswahnsinns? Warum also diese Selbstzweifel?

Ich recherchiere zum Thema Bloggen und finde heraus, dass sich laut einer Studie zum Gender-Blogging der Ruhr-Universität Bochum 60% der männlichen Blogger politisch äußerten, bei Frauen hingegen seien private Themen beliebter. Nur 36 % der Frauen schrieben über Politik. Ansonsten: Liebesleben, Arztbesuche, Diät-Tipps, Haustiere, Erziehungsgedöns oder gar Videopräsentationen der täglichen Erfolge am heimischen Herd. Die Studie schreibt vom „Fortschreiben geschlechtskultureller Muster“ im Netz.[1] Dieses Muster will ich nicht mehr mitstricken! Es wäre doch wunderbar, wenn all die Frauen, die sich bislang schon im Netz mit den oben genannten Belangen befassen, ein Herz fassten, alte Muster sprengten und mit ebensoviel Energie uns ihren Standpunkt zu Themen wie Gleichberechtigung Kinderbetreuung oder Sexismus im Alltag mitteilen würden!

Wenn ich mich also jetzt entgegen aller Trends doch entschließe, mich in einem Blog wie diesem politisch zu positionieren, was passiert dann mit dem, was ich hier so rauspuste? Im schlimmsten Falle kriege ich das bei der nächsten Bewerbung von meinem zukünftigen Chef aufs Butterbrot geschmiert und muss mich da rechtfertigen. Oder auch ganz fies: Hate-Kommentare von gruseligen Feiglingen, die mich hier aufgrund meiner Grünen und feministischen „Gesinnung“ ausfindig machen und mich medial stalken.

Die Kommentarkultur im Internet ist bekanntlich unterirdisch.

Hasstiraden, rassistische Kommentare, homophobes, rechts-nationales, zuweilen sogar faschistisches Gedankengut wird hemmungslos über Blogger*innen und User*innen der Netzwerke ausgekippt. Frauen werden oft sexistisch beleidigt, verbal übel bedroht. Einige so sehr, dass sie ihre Blogs schließen oder dass sie Angst haben müssen, das Haus zu verlassen. (Nur ein Beispiel: #Gamergate). All das ist dann real, hat aber seinen Anfang virtuell im Netz. Da mag es hier und da vielleicht angezeigt sein, sich doch mit einem Pseudonym auszustatten, zu schützen, wenn es das jetzige System trotz neuester Gesetzgebung zu diesem Problem noch nicht zulässt, allzu Privates oder eigene Erfahrungen im Netz preiszugeben? Wäre eine Möglichkeit.

Denn gerade das sogenannte „Private“, das Persönliche, ist doch oft so wichtig, so mitteilenswert.

Waren wir uns in den 80ern nicht alle einig: Das Private ist politisch. Das gilt heute so wie gestern.
Gewalt in der Ehe, Sexismus im Alltag, Gender-Pay-Gap, Reproduzierung von Rollenklischees in Kita, Schule und den Medien, frauenfeindliche Sprache, Selbstoptimierungszwang via Beauty-Werbebotschaften und Topmodel-Castings im TV, Frauenarmut im Alter, fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Miese Bezahlung von Care-Berufen, Hebammenmangel auf dem Land, selbstbestimmte Geburt. Frauen fehlen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft. Der Umgang mit dem Thema Quote – jämmerlich!

Es gibt doch noch offene Fragen. Immer noch. Wohin mit all diesem vermeintlich „Privaten“, das in Wahrheit doch hochpolitisch ist? Soll das alles nur in meinem Kopf bleiben, nur in Gesprächen mit Freundinnen geteilt werden, die meist sowieso gleicher Meinung sind wie ich? Nein, so geht das gar nicht.

Ich will ja wirksam werden und dabei zugleich sichtbar sein.

Ich habe mich entschieden, auch wenn die Gefahr besteht, dass ich mich angreifbar mache, dass ich für meine Positionen einstehen muss.

Ich werde den Raum des Internets nicht den Männern, den Hatern, den Stalkern, den Kleingeistern, den reaktionären Hetzern überlassen und auch nicht den Frauen und Männern mit Koch- und Kosmetiktipps.

Ich werde jetzt mit meinen privaten Einsichten, meinen politischen Fragen und Forderungen hier an dieser Stelle einen Raum besetzen, und wenn es gar nicht anders geht, unter einem Nickname. Das Internet kann und muss weiblicher werden und politischer (und grüner auch sehr gerne 😉 ).

Wir können hier Impulse setzen und so (hoffentlich!) einen Dialog anstoßen.

Denn ohne Dialog keine Veränderung. Und schließlich entsteht vielleicht das Ende der Politik(er*innen)-Verdrossenheit! Ein Blog kann auch ein Ort für Teilhabe und Mitbestimmung sein. Wenn hier eine lebendige und konstruktive Kommentarkultur entsteht, entwickeln wir Ideen weiter und bewegen was in den Köpfen.

Women’s March DC

Vielleicht kann ich, können wir hier Multiplikatorinnen sein: So wie die Frauen der Womens’ Marches mit ihren Pussy-Hats mich im Januar 2017 gedanklich buchstäblich aus meiner „Kein-Bock-mehr-auf-Politik-Blase“ von meinem Sofa geholt haben und meine feministische Stimme aus dem Dämmerzustand geholt und ihr wieder Power verliehen haben.

Denn es ist längst nicht alles gut für uns Frauen in Deutschland, in Europa, im Neoliberalismus dieser kapitalistischen und männlich geprägten „Nur-die-Leistung-und-die-Schönheit-zählt-Gesellschaft“.

Auch wenn viele Frauen das Gefühl haben, sie hätten doch im Jahre 2017 nun alles erreicht, hätten alle Chancen, hätten alles im Griff – sie haben tatsächlich viel im Griff, aber zu welchem Preis? Bessere Schulabschlüsse – und wie dann weiter durch die gläserne Decke? Tolle Jobs bei gleicher Bezahlung – …what? Vereinbarkeit von Familie und Beruf – eben nicht! Wer putzt denn die Wohnung nach der Berufsarbeit? Wer reduziert die Stundenzahl bei der Arbeit, wer organisiert den Kindergeburtstag, wer die Pflege von Tante Lotti?!

Geburten sind zwar regelbar dank Antibabypille – Aber wer bleibt nach der Entbindung, mit welcher Hebamme und wo bitte? zu Hause?

Wer reduziert die Arbeitszeit, geht in Teilzeit arbeiten und organisiert sich so vermeintlich „selbst verschuldet“ die sogenannte Rentenlücke im Alter? Und wenn der Kerl sich dann `ne Jüngere sucht, ist es wiederum ein Kraftakt, sich mit Kind, Kegel und Katze im Anhang einen Job zu suchen, von dem frau anständig leben kann, ohne „aufzustocken“.
Ganz zu schweigen davon: Sollte sich dieses Szenario im ländlichen Raum abspielen… puuh.

Fragen über echt sehr alte Fragen, für die wir mittlerweile eigentlich Antworten haben.

Es fehlen aber Frauen – nicht nur in der Politik – die diese Lösungen auch in die Welt tragen und politisch durchsetzen.

Lasst uns (nicht nur jetzt in den Wochen vor der Bundestagswahl 2017) politisch werden und endlich noch lauter frauenpolitische Forderungen stellen: Gegen einen Rollback in der Frauenpolitik!

Alles muss raus. Jetzt erst recht! Frauen auf die Straße, Frauen in die Politik, Frauen ins Internet!

Denn:

„Unser Netz gehört uns!“

 

1 vgl. Haaf, Klingner, Streidl: Wir Alphamädchen, Banvalet, 2009, S. 135

 

 

2 Kommentare

    1. Wir reden nicht zu viel. Wir reden aber zu leise. Wir sollten auch miteinander über uns wichtige Themen reden und vor allem gehören die Resultate unserer Diskussionen öffentlich gemacht. Nicht mehr nur im stillen Kämmerlein.
      Laut. Öffentlich. Gemeinsam. Räume erobern.

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