Was lange währt… Vom Kampf der Frauen gegen „die göttliche Ordnung“

Kürzlich habe ich einen tollen Film im Kino gesehen. „Die göttliche Ordnung“ der Regisseurin Petra Volpe aus diesem Jahr.[1]

Anfang der Siebziger, ein verschlafenes Dorf im Appenzell: Die brave Heldin Nora Ruckstuhl (Marie Leuenberger) kümmert  sich um Kinder, Ehemann, Schwiegervater und ums Strümpfewaschen. Der Spirit der wilden 68er-Generation ist bei ihr noch nicht angekommen. Als sie ihren Ehemann Hans (Maximilian Simonischek) bittet, in ihren alten Beruf zurückkehren zu dürfen, und er das ablehnt, gewinnt die Handlung an Dynamik. Nora wird zufällig auf Frauenrechtlerinnen in Zürich aufmerksam, die sich für das Frauenwahlrecht in der Schweiz einsetzen. Dort nimmt sie erstmals an einer Demo und an einem Selbsterfahrungs-Workshop für Frauen teil und erlebt die ermutigende Kraft der Frauenbewegung. Zusammen mit der schrulligen Vroni (Sibylle Brunner) aus ihrem Dorf entscheidet sie sich, für die Emanzipation der Frauen zu kämpfen, und lädt zu einer Infoveranstaltung für das Frauenwahlrecht in den Landgasthof ein, die zwar bestens besucht wird, aber mit Spott und Gewalt der Männer endet…

Spannend ist, gegen wie viele Widerstände sich die vermeintlich profillose Heldin durchsetzt:

  • Ihr autoritärer Schwiegervater drangsaliert sie stündlich.
  • Ihre Kinder werden in der Schule ausgegrenzt.
  • Ihr Ehemann wird ihretwegen auf der Arbeit verhöhnt.
  • Nachbarinnen, Schwägerin, Dorfbewohnerinnen lästern, fast die ganze Dorfgemeinschaft belächelt sie.
  • Sie wird mit Eiern beworfen.

Mir wird wieder mal klar: Ich habe das Glück der Spätgeborenen. Ich musste das Recht zu wählen nie erstreiten. Ich brauche zwar auch hin und wieder Mut, um für meinen Standpunkt einzustehen – häufig werde auch ich dafür im Kolleg*innenkreis oder in politischen Debatten dafür belächelt – aber ich wurde (zum Glück) noch nicht mit Eiern beworfen…

Der Weg wurde von starken Frauen in der Vergangenheit für uns geebnet

Clara Zetkin in den 1920ern in ihrer Zeit als Reichstagsabgeordnete
Clara Zetkin in den 1920ern in ihrer Zeit als Reichstagsabgeordnete

Ohne mutige Frauen wie z. B. Clara Zetkin, die schon 1907 auf dem ersten sozialistischen Frauenkongress in Stuttgart das allgemeine Frauenwahlrecht  forderte, wäre es in Deutschland elf Jahre später nicht eingeführt worden. Am 30. November 1918 nämlich trat in Deutschland das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. Damit konnten Frauen am 19. Januar 1919 zum ersten Mal in Deutschland reichsweit wählen und gewählt werden.

Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.[2]

In der Schweiz mussten die Frauen noch viel länger für dieses Recht kämpfen. Der Kampf begann schon 1868 mit einem vergeblichen Begehren von Zürcher Frauen um aktives und passives Wahlrecht anlässlich einer kantonalen Verfassungsrevision. Aber erst am 7. Februar 1971, also nach über hundertjährigem Kampf, wurde das allgemeine Wahlrecht für Frauen in der Schweiz mit  66% zu 34% durchgesetzt. In den Teilkantonen des Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden mussten die Frauen sogar noch bis 1989 darauf warten![3]

Was lange währt, wird endlich gut?

Der Durchbruch für das Frauenwahlrecht wie auch für andere Aspekte der Gleichberechtigung kam also erst nach langem Ringen im 20. Jahrhundert, recht spät, wie ich finde.

Ich bin heute, im 21. Jahrhundert, begeistert vom Mut einer jungen Frau in einem Kinofilm. Warum? Hier wird in alltäglichen Szenen aufgezeigt, wie dieses Ringen um Gleichstellung aussah:

Demonstration gegen den Paragraph 218 zum Schwangerschaftsabbruch. Göttingen, 1988

Nora, die sich gegen den Willen ihres Mannes die Haare abschneiden lässt, enge Hosen statt Röcke trägt, sich bei einem selbstgewählten Arbeitgeber bewirbt und vorstellt, erstmals in ihrem Leben vor zig Dorfbewohner*innen eine Rede für die Gleichberechtigung der Frau hält und zudem in Kauf nimmt, dass ihre Kinder aufgrund ihres Engagements nicht mehr in die Schule gehen mögen, weil die Mitschüler*innen ihre Mutter als „Emanze“ beschimpfen und nicht mehr mit ihnen spielen wollen. Ihr Mann droht ihr mit Scheidung, wenn sie nicht aufhört, sich politisch zu engagieren. Aber sie macht weiter.

Wow, wie mutig. Wirklich! Und so oder so ähnlich kann es tatsächlich gewesen sein.

Um wie viel mutiger mussten diese Frauen gewesen sein, als wir es heute sind, wenn wir unsere Meinungen im Freundeskreis, im Kollegium, im Netz oder in politischen Kontexten äußern?

Hätte ich mich das damals getraut?

Ich bezweifle das. Ich hadere ja sogar heute manchmal noch… Aber „Emanze“ wird nach wie vor als Schimpfwort gebraucht. Absurd! Vielleicht sollten wir das Wort positiv konnotieren oder gleich einen ganz anderes einführen. Wie wäre es mit „Alpha-Frauen“?[4] Das hört sich stark und positiv an!

Der Film thematisiert neben dem Kampf für das Frauenwahlrecht aber auch noch weitere aktuelle gesellschaftliche Probleme wie Gewalt in der Ehe, die Ächtung der alleinlebenden Frauen, die Doppelbelastung der berufstätigen Frau und die sexuelle Selbstbestimmung. So lernen die Frauen beim feministischen Selbsterfahrungs-Workshop nach allen Regeln der Kunst mittels Spiegel ihren Unterleib kennen und erfahren, dass und wie frau beim Sex auch Lust empfinden kann.

Auch der Druck, der auf den Männern der emanzipierten Frauen lastete, wird gezeigt. So wird Hans von seinen Kollegen bei der Arbeit verhöhnt, er habe seine Frau nicht im Griff, müsse wohl den Haushalt selbst regeln, da die Frau ja nun die Hosen anhabe und er sei ja wohl kein richtiger Mann. Er leidet selbst sehr stark unter der rigiden Rollenverteilung, bemerkt auch nach dem Auszug seiner Frau seine Defizite – er kann den Kindern tatsächlich nichts anderes als gebratene Eier auf den Tisch bringen.

Im Männerhaushalt werden also wacker Spiegeleier gebraten, weil die Frauen sich überlegt haben, bis zum Wahltermin zu streiken. Sie sind von zu Hause ausgezogen und übernachten allesamt auf dem Dachboden des örtlichen Gasthauses, wo die liberale allein lebende Gastwirtin Graziella (Marta Zoffoli) Zepter und Kochlöffel schwingt. Es kommt zu lustigen Situationen, ernsten Gesprächen und überraschenden intimen Geständnissen. Die Frauen haben endlich mal Zeit, etwas für sich zu tun, einander auf neue Art kennenzulernen.

Und die Männer? Allein zuhaus!

Daraus ergeben sich derweil neue Herausforderungen, aber auch Chancen: Völlig auf sich selbst gestellt entwickelt Noras Mann schließlich wider Erwarten großes Gefallen am (umständlichen) Kuchenbacken. Ein witziges Highlight des Films!

Nach einigen Tagen der „Regellosigkeit“ rotten sich die Männer wütend zusammen. Sie wollen die „göttliche Ordnung“ in ihrem Dorf und am heimischen Herd wieder herstellen, sie beenden den Streik mit Gewalt. Blutig. Trotz allem bekomme ich als Zuschauerin den Eindruck, dass die Momente der Frauen-Solidarität die eigentlichen Kraftspender dieser (Frauen-) Geschichte sind. Und genau die positiven Erfahrungen wirken weiter.

Nora setzt sich gegen alle Widerstände durch. Die Abstimmung wird gewonnen. Ihre Ehe, die kurz vor dem Aus stand, wird gerettet, und am Ende schaffen es Nora und Hans sogar, ihre Sexualität gemeinsam und für beide Seiten erfüllend zu gestalten.

Das ist wohl ein etwas zu rosarotes Ende dieses wirklich sehenswerten Spielfilms.

Ein wirkliches Happy-End ist frauenpolitisch bis heute leider noch nicht in Sicht

Als Frau, Baujahr 1967, wird mir mit diesem Film vor Augen geführt, wie viel Mühe, Ausdauer und Mut es Generationen von Frauen vor meiner Zeit gekostet haben mag, die Welt im Kleinen und im Großen bis hierher so positiv zu gestalten, wie sie sich uns heute zeigt. Sie haben einen Anfang gemacht.

Auch die Grünen Frauen leisten seit über 30 Jahren ihren Beitrag zu dieser Erfolgsgeschichte. In ihrer ersten Bundestagsrede sorgte Waltraud Schoppe 1983 für männliche Tumulte, als sie eine „Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe“ forderte.[5] Heute ist diese längst Straftatbestand, aber die Grünen Frauen und Männer kämpfen weiter: gegen Lohnungleichheit und Diskriminierung, für eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen, und für tatsächliche Gleichstellung.

Innerparteilich wird 1986 das Grüne Bundesfrauenstatut verabschiedet[6], das bis heute gilt und die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Partei festlegt. Beispiele hierfür sind quotierte Listen für Bundes- und Landtagswahlen,  wobei jeder ungerade Platz von einer Frau besetzt sein muss. Auch die quotierte Redner*innenliste ist so ein sinnvolles Werkzeug, das den Abbruch der Debatte erzwingt, sollte sich nicht nach jedem männlichen Redner eine Rednerin zu Wort melden.

35 Jahre Grüner Feminismus zeigen, dass Mut sich auszahlt

110 Jahre nach der couragierten Clara Zetkin stehen wir aber noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Aber dank vieler kämpferischer Frauen können wir uns heute zumindest adäquat in die Politik einbringen.

… durch die Gläserne Decke!

Mir persönlich liegt die Frauenquote in der Politik sehr am Herzen. Denn ich gehe davon aus, dass wir Frauen es sein müssen, die die Themen besetzen, die uns wichtig sind. Wir müssen für uns selbst für unsere Anliegen kämpfen – wer sollte es auch sonst tun? So ist zum Beispiel die Problematik der selbstbestimmten, sicheren Geburt (auch im ländlichen Raum) ein Themenfeld, das Frauen besonders umtreibt. Auch die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen und die Gläserne Decke, an die Frauen immer noch stoßen, wenn sie Karriere machen wollen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf… Es gibt noch viel zu erkämpfen. Aber dies können wir, weil es so viele mutige Frauen vor uns gab, die es uns heute ermöglichen, zu wählen und uns selbst zur Wahl zu stellen.

Das Wahlrecht ist ein so kostbares Gut in der Demokratie. Es ist ein Grundrecht und doch nicht selbstverständlich. Es ist ein Werkzeug für uns Frauen, unsere Welt zu gestalten – wider die vermeintlich „göttliche Ordnung“.

Fazit:
  1. Die Schweiz hat diesen Film zur Oscarnominierung für die Kategorie „bester nicht-englischsprachiger Film“ eingereicht. Zu Recht, wie ich finde. Ich kann ihn nur empfehlen. Schaut ihn euch mit Freundinnen an. Da gibt es vieles, was ihr aus eurer eigenen Geschichte wiedererkennen werdet und bei einem Glas Wein bequatschen könnt. Allein die Requisiten, köstlich…
  2. Es ist super wichtig, zur Wahl zu gehen. Schließlich haben unsere Schwestern im Geiste dieses Recht für uns erkämpft und es gibt auch heute noch sehr viel für uns zu tun!
  3. Es ist notwendig, mit der Wahl auch ein frauenpolitisches Zeichen zu setzen. Wer, wenn nicht wir, sollte die Themen besetzen, die uns wichtig sind?[7]

 

Darum am 24. 9.     –        Zweitstimme Grün!

 

 

 

 

[1] https://www.youtube.com/watch?v=FPkz9iuqSEk

[2] https://www.lpb-bw.de/12_november.html

[3] https://demokratie.geschichte-schweiz.ch/chronologie-frauenstimmrecht-schweiz.html

[4] In Anlehnung an : Haaf, Klingner, Streidl: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalet, 2009

[5] http://www.zeit.de/2013/14/bundestag-gruene-sexismus-debatte

Vgl. hierzu auch: http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68728&key=standard_document_48178667&mediakey=wissen/20130502_13-054_audio_128k&type=a

[6] https://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Satzung/Satzung_Bundesverband.pdf

[7] Vgl. https://www.gruene.de/ueber-uns/2017/10-punkte-fuer-gruenes-regieren.html – Frauenrechte und Gleichstellung finden sich in den 10 Punkten und im Wahlprogramm!

2 Kommentare

  1. Sehr interessanter Tip, danke! Nur bei „Alpha-Frauen“ habe ich gezuckt, da muss ich eher an die Sprache der Maskulinisten denken, von wegen „Alphamännchen“ versus „Cucks“ und so…

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