Mit beiden Flügeln fliegt sichs besser. Und das dazwischen ist irgendwie auch wichtig...

Tragfläche statt Flügel

Wir sind uns eigentlich alle einig: Wir müssen die Welt retten! Oder naja, Mutter Natur kann auch gut ohne uns, aber unsere Zivilisation, die ist in brennender Gefahr.

Sie zu retten geht nur im solidarischen Schulterschluss, mit Zukunftsmut und einem Ja zu Pluralitäten.
Statt “entweder/oder” brauchen wir mehr “auch”.

Robert Habeck und Annalena Baerbock bewerben sich nun also “Flügel-unabhängig” zum Bundesvorstand.
Simone Peter tritt ebenfalls wieder an, und sagt dazu:
Wir müssten “die Geschlossenheit, von der wir in den Sondierungsgesprächen sehr profitiert haben, gemeinsam weitertragen. Aber das gute Zusammenspiel resultierte gerade auch aus der Vielfältigkeit der Gruppe.”
“Aber”? Hmm.
Es möge “ein hehres Ziel sein, diese unterschiedlichen Strömungen und Flügel überwinden zu wollen, aber letztlich müsste das von der Parteibasis ausgehen und nicht von Funktionären, die eindeutig in Flügeln organisiert sind.“
Als wenn die Basis etwas anderes als eingerostete Flügelpositionen wählen kann, wenn die Funktionäre sich immer alle in genau solche einordnen.

Als ich für den Wahlkampf unterwegs war, habe ich einen Ausruf am meisten zu hören bekommen:

“Scheiß Grüne!”

Es gibt ein Bild von den Grünen, das in den Köpfen herumgeistert, und sie zu “denen da oben” macht, zu einer vage bekannten Gruppe Un-Menschen, mit denen man nichts zu tun hat oder haben möchte.

Die Haupt-Anklagepunkte:

  • Alles Traumtänzer
  • Möchtegern-Öko-Diktatoren
  • Ewige innere Zerrissenheit
  • eine Elitenpartei – für die, denen es schon gut geht
  • immer diese Didaktik, als wären wir alle doof
  • Die tun ja nix

Ich behaupte, der giftige wahre Kern in diesen Vorwürfen flammt immer wieder im fehlenden Schulterschluss, fehlender Vorstellungskraft, und einer Schwarz/Weiß-Sicht der Welt auf – und das mitten in der bunten Partei der Solidarität und des Zukunftsmutes.

Traumtänzer und die Notwendigkeit von Fantasie

e-Kurve

Die Welt verändert sich schneller als je zuvor. Technische und kulturelle Neuerungen haben eine machtvolle Eigendynamik, der man begegnen muss. Nur bewegen sich diese Neuerungen auf e-Kurven oder gar in Netzwerkeffekten.
Statt dass alles weiter linear wächst und sich wandelt – so sah es jedenfalls früher aus, als wir noch ganz unten am Anfang der Kurve waren – wird aus 1 und dann 2 plötzlich direkt 4 und 8 und 16 und ganz schnell ist man vierstellig.

Wir denken nicht in e-Kurven oder Netzwerkeffekten, wir denken linear. Logik ist fundamental linear. Und selbst das lineare Denken funktioniert, naja, eher nur so bedingt.

Wer mit Vorschlägen kommt, die versuchen, diesen neuen Entwicklungen zu begegnen, kriegt oft zu hören, das sei nicht realistisch.
“Das ist nicht realistisch” bevor etwas ausprobiert wurde, ist schlicht gleich: “Das kann ich mir nicht vorstellen”.
Es braucht also Vorstellungsvermögen. Eine andere Welt muss immer erst gedacht werden.

Deshalb wird Zukunft nur aus Mut gemacht, nicht aus bisherig etablierten Gedankengrenzen.

“Politik besteht aus der Herstellung anderer Möglichkeiten und, ja, auch aus Ideologie”
Tobias Haberkorn, ZEIT

Man darf dabei nur nicht so sehr abheben, dass man die Visionen und Ziele nicht mehr mitgeteilt kriegt. Hier fehlt es nicht nur dem realpolitischen Flügel an Mut, an Selbstvertrauen, und sicher auch an Vermittlungskönnen. Was bleibt, ist abgehobenes Gelaber, dass Wähler verschreckt. Speziell, wenn es hier ja nicht um rhetorische Fragen geht, um Philosophie oder Gedankenspiele, sondern um Regierungsziele.

Öko-Diktatur und der Willen zur Macht

Winfried Kretschmann, grün-graue Eminenz aus Baden-Württemberg, warf den NRWlern nach deren Niederlage zu viel Idealismus vor („gesinnungsethischer Überschuss„), was eine elegante Umschreibung von linksversifften Gutmenschen ist. Man solle sich auf Kernthemen konzentrieren, statt Maghreb zu diskutieren.

Entweder, oder.

Grundsätzlich sei die Bundespartei nicht „auf der Höhe der Zeit“, legte er in einem Interview nach. Zwischendurch regte Jürgen Trittin via Talkshow an, Koalitionen nicht der Inhalte sondern der Macht wegen zu schließen.
Der linke Flügel hielt dagegen: Lieber mit 6% aus der Bundestagswahl gehen, als eine Politik wie Kretschmann machen.

Ich bin ein solcher linksversiffter Gutmensch.
Ich habe systemkritische, antikapitalistische und pazifistische Positionen.

Aber “mein” linker Flügel, der sich doch gern mal mit moralischer Überlegenheit schmückt, will entweder alles sofort, oder dann halt Fundamentalopposition?
Entweder, oder.

Vor der Bundestagswahl in diesem Land hieß es, Umfragen würden zeigen, dass die Hälfte aller Deutschen sich eine Regierungsbeteiligung der Grünen wünscht.
Wieso haben wir dann nicht 50% bekommen?
Nein, ehrlich jetzt, ganz ohne Scheiß: Wieso haben wir die Wahl nicht schlicht… gewonnen?
Beim Was sind nicht nur wir uns Untereinander einig (auch wenn wir am Wie hadern), sondern die Hälfte der Deutschen ist da auch mit an Bord! Wieso haben sie uns nicht gewählt?

Und dann kam Jamaika, und die Sondierungen haben versucht, an unserem eh schon runtergebrochenen Minimalforderungspaket Wahlprogramm heftig herumzuknabbern. Klimaschutz, Gleichberechtigung, Frieden innen wie außen – das will doch jeder… oder?

Eben nicht. Und selbst die, die das wollen, sind sich vielleicht beim Was einig. Aber nicht beim Wie.

Was vs. Wie

Die Sache ist die: Das Was muss fixiert sein, sonst hat die Wählerschaft keine Orientierung. Aber das Wie muss agil bleiben, um sich den wechselnden umgebenden Bedingungen anpassen zu können, und auf immer neue Erkenntnisse aus Wissenschaft und aus politischen Experimenten reagieren zu können.

Der Weg kann nicht das Ziel sein.

Ob ein Übergangs-Diesel nun vernünftig ist oder nicht, ist eine andere Frage, als die, ob wir alle so schnell wie möglich vom CO2-Ausstoß weg wollen.

Die Zeiten ändern sich viel zu schnell, und wir müssen Entwicklungen steuern, die viel zu rasant sind, als dass es schon bewährte Rezepte gäbe, oder wir uns auch nur vorstellen können, wie alles am Ende aussehen könnte – oder auch nur in drei Jahren.

Für das Wie gelten natürlich Bedingungen, wenn auch wenige, klare: Naturschutz, Menschenrechte, Faktenbasierung – das Wie von einem Ziel darf ein anderes Ziel nicht schädigen.

Für die leidenden Kretschmann-Kritiker sind Kompromisse beim Wie aber keine Gewinn-, sondern eine Identitätsfrage.
Kompromisse haben auch Signalwirkungen.

Aber hat die Identitätsfrage so wahnsinnig viel im Wie zu suchen? Ist das nicht auch… ein „Was“? Natürlich sollen die Dinge ineinander greifen – was bringen uns E-Autos, die mit Elektrizität fahren, die aus Kohlekraftwerken kommen. Ein Ziel soll nicht auf Kosten eines anderen gehen. Aber “das sieht nicht Grün aus” gilt nicht. Was sinnvoll zielführend ist, aber „nicht Grün aussieht“ wurde nur nicht gut genug erklärt.

Wir sind schließlich mehr als nur Fassade.

Spielen wir diese Trennung von Was und Wie mal kurz an einem parteiinternen Beispiel aus:

Ich bin also auf meiner ersten BDK im Juni diesen Jahres, und mit meinem Hintergrund von 3-Jahre-mal-Bankwesen-ausprobiert, erschließt sich mir ein Änderungsantrag zum Wahlprogramm sofort:

Udo Phillip von der Triodos sagt:

  • Gründer fördern, ja, ganz wichtig! Aber nicht mit Darlehen, da:
    • es sehr, sehr schwer wird, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen, und
    • die meisten Gründer im ersten Versuch scheitern und dann vor der Schuldenfalle stehen.
  • Deswegen: Machen wir es doch vielleicht lieber wie Schweden und sorgen dafür, dass unser Bürgerfonds in Bereiche investiert, die Gründern Eigenkapital ermöglichen.

Kerstin Andreae hält dagegen:

  • Wir müssen Gründer fördern!
  • Ich gehe nicht davon aus, dass die scheitern.
  • Wir müssen ein Signal setzen! Dieser Vorschlag hatte eine tolle Außenwirkung.
  • Gründer sagen: Wir kommen nicht an Kapital ran!
  • Gründer sind wichtig, weil sie nachhaltig denken!
  • In Hessen funktioniert das auch.

Im Was sind sich eigentlich beide einig: Gründer fördern. Aber wo Udo im Wie (Darlehen) eine (fachlich erwiesene) Gefahr lauern sieht, und Richtung Eigenkapital korrigieren will (was Schweden zu einem internationalen Vorbild macht), setzt Kerstin dagegen: Aber das Was! Ich seh das Problem nicht! Das Was! Das Was, das Was ist wichtig! Und das ursprüngliche Wie macht Hessen zu einem nationalen Vorbild.

Und die BDK stimmt mit Kerstin.
Und ich fall vom Glauben ab. Ich habe zweimal in meinem Leben gegründet, und bin umgeben von anderen Selbstständigen. Alle intelligente, talentierte Leute, alle scheiterten im ersten Versuch, und haben sich nur nochmal getraut, weil sie schuldenfrei blieben. Ja, man muss an Kapital rankommen. EIGENkapital.

Aber man kann die Masse der grünen Delegierten umstimmen, indem man auf das Was pocht, das gar nicht zur Debatte stand, statt sich auf eine Diskussion über das Wie einzulassen.
Beziehungsweise indem man die Signalwirkung einer Maßnahme über deren andere Auswirkungen stellt.

Lieber Didaktik jetzt als später Diktatur*

(etwas schief zitiert von: Bernd Ulrich, ZEIT)

Wer die Signalwirkung als die wichtigste Wirkung sieht, hält seiner Mitmenschen für zu doof, um die anderen Wirkungen einer Maßnahme wahrzunehmen oder zu verstehen.
Ob dieses negative Menschenbild nun sinnvoll ist oder nicht, es ist auf jeden Fall unkonstruktiv und hält uns auf.
Und traut uns nicht zu, unsere komplexen Inhalte zu vermitteln. Überhaupt höre ich entweder völlig verkürzte bzw. schräge Erklärungen oder Darstellungen an die Wählerschaft, welche im schrecklich herablassenden Tonfall, oder gleich gar keine, und stattdessen hohle Propaganda-Floskeln.

So wird man zu “denen da oben” die “ja nix tun”. Wir müssen die Leute mitnehmen. Alle. Oder doch wenigstens die 50%, die ganz genau wissen, wie wichtig unsere Themen eigentlich sind.

Statt dabei auf Propagandafloskeln und Signalwirkungen zu setzen – von oben nach unten mal was kund zu tun – , müssen wir erzählen. Auf Augenhöhe.
Ganz nebenbei wird dann vielleicht auch klarer, dass jede/r mitmachen kann!

Mit beiden Flügeln fliegen

Es muss Diskussionen über das Wie geben, ständig. Wie Simone Peter schreibt: Gelebte Demokratie.
Und ja, auch über das Wer.
Aber zur Zeit fliegen so viele eingerostete Positionierungen, so viele persönliche Vorgeschichten und Befindlichkeiten mit so viel schlechter Debattenkultur herum, dass es scheinbar kaum eine Arbeitsebene für solche Diskussionen gibt. Nicht, dass nicht tolle Arbeit geleistet wird. Aber nach draußen dringen eher die Flügelkämpfe.

Als Neuling höre ich:
Realos wollen bloß Macht um jeden Preis, denen geht’s um Ego und Geld.

Damit kann man nicht weiter arbeiten.

Als Neuling höre ich:
Fundis, also heute lieber “Linke”, ne, wir sehen halt die Verschränkungen zwischen Ökologie und den sozialen Themen, international und lokal betrachtet. Systemkritik! Antikapitalismus! Pazifismus! Und: Trennung von Amt und Mandat, Rotationsprinzip und so. Ich denke: Yeah!
Und höre weiter: Außerdem: Mit CDU, SPD und FDP kann man nicht zusammenkommen. Und mit Realos erst recht nicht.

Damit… kann man auch nicht weiter arbeiten.

In Politik wie in vielen anderen Lebensbereichen darf eines nie passieren: Das Gespräch darf nicht final abbrechen.
(Okay, abgesehen von ganz drüben Rechts, hier gilt das Toleranz-Paradoxon und sollte keine Energie verschwendet werden.)

Also müssen Linke und Realos eine Gesprächsebene finden, statt in der Schleife fest zu hängen: Krise führt zu Kritik von Flügel zu Flügel, Kritisierte verbitten sich das, Krise plus innere Zerrissenheit.

Konflikte sind die Hefe der Politik.

Konflikte sind ein Muss, wenn man Zukunft gestalten will. Aber nur, wenn sie konstruktiv sind, statt Selbstzweck bzw. Ego-Schleiertanz. Wie wäre es mit: Krise führt zu gemeinsamer Kritik am Wie?

Und ganz ehrlich, ich finde mich zwar inhaltlich mehr im linken Flügel, aber diese Begeisterung für Oppositionspolitik finde ich faul und unverantwortlich. Es reicht nicht, ein wenig das schlechte Gewissen der Nation zu spielen. Wir müssen jetzt ran an den Lehm und gestalten!
Wer glaubt, wir hätten Zeit, uns auf den Hinterbänken zurückzulehnen und mit Popcorn zu werfen, hat nicht genug Angst und unterschätzt die Situation kolossal.

Wer sonst keine Probleme hat

Ein Flügel für die, denen es schon gut geht. Einer für die, die keine Zuversicht mehr haben und nur noch meckern können. Wer sonst keine Probleme hat, macht sich welche, und die internen Debatten Flügel gegen Flügel oder aufgehängt an “Ich mag den/die einfach nicht”, die sind selbst fabriziert.
Und das können wir uns nicht mehr leisten.

Hier: Ich bin für eine Trennung von Amt und Mandat. Ich finde aber auch Habecks Antreten gut, weil er mich bisher inhaltlich immer überzeugt hat. Wer? Habeck ginge, dochdoch. Wie? Das muss diskutiert werden.
Und was genau sprach dagegen, Darlehen UND Eigenkapitalförderung zu planen?

Wir haben keine Zeit für entweder/oder.

Jetzt kann man sagen, wir haben zu wenig Leute, um ständig “auch” zu sagen.

Wer soll das alles umsetzen? Ja, wir brauchen mehr Mitglieder. Aber auch: Weniger Energieverschwendung.

Die tun ja nix

Da wird über “flügelübergreifende” Bewerbungen debattiert, dass die Post abgeht bzw. meine Mailbox explodiert. Wir brauchen die Flügel, sonst gehen die Linken ganz unter!, heißt es.
Neinein, die Flügel zerreißen uns innerlich und binden Kräfte in internen Debatten!, heißt es von der anderen Seite.

Was würde hier das Prinzip “AUCH” bedeuten? Die linken Prinzipien Systemkritik und Pazifismus dürfen nicht untergehen im Kleinklein der Kompromisse. Das ist ein Was. UND wir müssen aufhören, uns im internen Machtgerangel zu verlieren. Denn das bisherige Wie funktioniert nicht.

Nein, Flügelpolitik funktioniert NICHT. Wer glaubt, 8,9% war ein gutes oder auch nur zufriedenstellendes Ergebnis, hat bei Jamaika nicht zugehört oder hält unsere Positionen für Randthemen.

Wir brauchen mehr Mut zum Traumtänzertum und AUCH einen Willen zum Regieren.
Wir brauchen den internen Schulterschluss: Statt an Realos persönlich herumzukritteln müssen wir immer wieder laut und deutlich – und sachlich – die systemkritischen und pazifistischen Positionen zurück ins Spiel bringen – und statt mit den Schultern zu zucken, müssen Realos dann auch zuhören.
Kernthemen verfolgen UND nicht als sicheres Herkunftsland deklarieren, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden – Klimapolitik ist nunmal auch Friedenspolitik.

Wir müssen uns beim Was einig sein, und das Wie sachlich diskutieren. Wir müssen an die Menschen da draußen glauben (liebe Realos), und ihnen (ohne den moralischen Zeigefinger, liebe Linke) Pluralitäten und Verschränkungen in den Lösungswegen so klar machen, dass sie keine Angst mehr machen, sondern stattdessen Mut und Lust auf Zukunft.
Da haben bisher beide Flügel versagt.

Also Schluss mit dem Herumgeflatter, gemeinsame Tragfläche bilden, beide Füße auf den Boden, Ärmel aufkrempeln und los, Welt retten!

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