Junge Frau auf einer Demo, ihr Gesicht rot beschmiert, brüllt in die Kamera

"Angry girl" Quelle: Flickr

“Erschießt zuerst die Frauen” – oder sie ändern die Welt

Die alte Welt bröckelt schon seit Jahrzehnten – ihre Prinzipien und Sichtweisen funktionieren schlicht nicht mehr, und schon gar nicht angesichts der kommenden Herausforderungen.
Wir brauchen eine friedliche Revolution. Und Frauen müssen sie vorantreiben. Dafür brauchen wir nur genug Wut.

In Eileen McDonalds Buch “Erschießt zuerst die Frauen” von 1992 interviewt die Autorin Frauen, die aktiv in terroristischen und Untergrund-Organisationen mitgearbeitet haben oder es damals noch taten. Der Titel kam dabei von einer ihr erzählten Anweisung an Antiterror-Einheiten der Polizei.

Sie stellt in dem Buch dar, dass Frauen, wenn sie sich einmal zu Gewalttätigkeit durchgerungen haben, mehr von Autoritäten und der Gesellschaft insgesamt gefürchtet werden, als gewalttätige Männer.

Nun geht es in dem Buch natürlich um Frauen, die noch ganz andere Motive hatten als Feminismus – auch wenn fast alle von ihnen diesen ebenfalls als wichtig erachteten. Mitgliederinnen von ETA, IRA oder der Intifada sahen sich nicht nur als Opfer des Patriarchats, sondern auch ihre Opferrolle der Unterdrückungen, denen ihre Organisationen den Kampf erklärt hatten.
Diese doppelte Opferrolle erhöhte ihre Motivation. Trotzdem waren Frauen in diesen Bewegungen weiterhin in der Minderzahl, da die Schwelle, die sie überschreiten mussten, weitaus höher war.

Einem Mann, der zu Gewalt greift, wird verziehen – vielleicht rettet ihn sogar eine sanftmütige Frau, deren Liebe groß genug ist, um ihn zu heilen. Diese gruselige Geschichte können wir uns heute noch immer wieder im Kino anschauen.
Eine gewalttätige Frau ist dagegen unwiederbringlich vom Sockel gestürzt. Ihr Griff zur Gewalt hat weitaus höhere Kosten.

Sobald sie dann aber losgelegt hatten, schienen sie deutlich mehr verpflichtet und motiviert. Gleichzeitig hatten sie etwas zu beweisen gegenüber den männlichen Mitstreitern, was sie brutaler, härter, schneller machte. Sie konnten generell besser mit Schmerz umgehen und waren besser darin, den Gruppenzusammenhalt zu stärken.

Ergo: Erschießt zuerst die Frauen.

Das Buch ist von 1992, seitdem hat sich viel getan. Weiße Frauen in den westlichen Ländern sind heute so emanzipiert wie noch nie zuvor. Manch eine hat schon das Gefühl, sich entspannt zurücklehnen zu können oder dass der Feminismus schon zu weit gegangen ist.
(Natürlich geht Feminismus “zu weit”, bricht mit den Normen – es geht schließlich um deren Wandel.)

Solange es noch eine Unfreiheit gibt, ist jedoch niemand wirklich frei.

Februar-Revolution in Petrograd

Februar-Revolution in Petrograd

Wir brauchen weiterhin einen umfassenden Wandel der Gesellschaft – und ein solcher wird so oder so kommen. Die Digitalisierung, die Roboterisierung, der Klimawandel und die daraus resultierenden Massenmigrationen… die nächsten 30 Jahre werden die jetzige Ordnung total erschüttern. Um diesen für die bisherigen Strukturen potentiell katastrophalen Wandel zu gestalten, braucht es eine Revolution.

Gewalttätige Revolutionen sind dabei zwar einfacher und schneller als mühsame, zeitraubende Reformen, haben aber nicht hinnehmbare Kosten und Kollateralschäden.

Wir brauchen eine neue, friedliche Revolution, die in radikalem Umdenken und durchdachten Reformen mündet.

Diese Revolution müssen Frauen mit anführen.

 

Frauenmarsch auf Versailles 1789

Frauenmarsch auf Versailles 1789

Die Französische Revolution. Der Fall der Romanovs. Die Ägyptische Revolution.
Wenn Frauen in der Geschichte wütend werden – weil das Brot zu teuer wird, um ihre Kinder zu ernähren – dann schlägt ihre Wut Funken, die in Flächenbrände ausbrechen können.

Bevor sie jedoch wütend werden, müssen sie eine große Schwelle überschreiten: Frauen haben nicht wütend zu sein. Frauen haben sich ja noch nicht mal friedlich zu äußern, geschweige denn im scharfen Ton.

Leslie Jamison hat im Januar eindrucksvoll im New York Times Magazine beschrieben, wie diese Schwelle heutzutage aussieht, und wie sie selbst darüber hinweg gefunden hat.

Sind wir denn wütend genug? Um über die Schwelle zu finden? Zu Revolution? Auf jeden Fall scheint die Wut nicht im ersten Frauenmarsch und ein paar #metoo pins verraucht zu sein.

#timesup ist die neue Parole: Die Zeit ist reif.

Zu Beginn der #metoo-Bewegung war Uma Thurman noch zu wütend, um mehr zu sagen, als dass sie noch zu wütend ist, um sich zu äußern. Diese Wut wurde viral, motivierte andere Frauen, und verhalf ihr schließlich dazu, sehr differenziert in der New York Times ihre Geschichte zu erzählen.

Ich glaube jedoch, dass wir als Bewegung nur genug Schwung für einen echten Wandel finden, wenn wir eine breit genug gefächerte Wut haben, damit wir das zugrunde liegende System neu durchdenken und umwälzen können. Das wiederum schaffen wir nur mit Seitenblicken: Wem schaden diese Strukturen noch? Wo sind Parallelen zwischen unserem Erleben und dem anderer Benachteiligter?

Wenn wir nur auf die Benachteiligung von bestimmten Frauen als Personen schauen, versuchen wir nur, deren Position innerhalb der toxischen, bröckelnden Strukturen zu stärken.
Wir müssen stattdessen auf die Benachteiligung von Weiblichkeit als Prinzip schauen, inklusive aller Personen mit Abweichungen von binären Gender-Strukturen oder der konservativen Sicht auf binäre biologische Geschlechter, bis hin zu Männern, die auch mal sanft und weich sind oder sein wollen (und sind das nicht alle?).
Wir müssen uns mit all denen solidarisieren, die parallele, mit unserem Kampf verknüpfte Schlachten schlagen.

Es geht nicht nur um weiße, junge, gesunde, westliche, reiche, cis-gender, heterosexuelle Frauen, sondern um uns alle.
Mit diesem Blick ist der Klassenkampf im neoliberalen Kapitalismus ein Schwesterkampf. Mit diesem Blick ist Black Lives Matter ein anderes Kapitel im gleichen Buch.

Mit diesem Blick brodelt die ganze Welt vor Wut.

Warum sollen also Frauen die Revolution vorantreiben? Und nicht nur für sich selbst, sondern für alle?

Weil es uns im Vergleich schon relativ gut geht. Die Bewegung für das Frauenwahlrecht und all ihre Folgen haben unsere Position in der Gesellschaft soweit erhoben, wie es ohne die anstehende Revolution eben so ging.
Mit jedem Haken an der Checkliste weiß-jung-westlich-wohlhabend-gesund-cisgender-hetero haben wir mehr Boden unter den Füßen, so dass unsere Schwelle etwas niedriger ist.
Außerdem ist die Welt es ein klein wenig gewohnter, uns zu hören – und eine Winzigkeit bereiter, uns zuzuhören.

Dabei geht es jetzt nicht darum, dass weiße Frauen die Führungsrolle übernehmen sollen – sich sozusagen das Engagement von anderen unter den Nagel krallend. Aber es ist eine Schande, wie viele von uns sich zum Antifeminismus bekennen, als wäre das Problem erledigt, sobald es uns persönlich relativ gut geht. Wie viele von uns bloß mit den Schultern zucken. Und welche dagegen doppelt oder dreifach Benachteiligte sich ganz vorne an der Front von uns allein gelassen wiederfinden.

Also müssen wir ganz besonders laut sein. Ganz besonders solidarisch. Und ganz besonders optimistisch.

Die alte Ordnung geht so oder so unter. Bauen wir also gemeinsam eine großartige neue Zukunft, bevor wir nur noch Trümmer als Material haben.

Wir können das nämlich.

 

Wer sich mit ein wenig Bildmaterial motivieren möchte…

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