Der Bienenkönig

Versteinerte Rollenbilder machen uns blind für viele Möglichkeiten. Manchmal machen sie aber auch die Wissenschaft blind. Die größte Biene, der alle zuarbeiten? Muss ja männlich sein. Und wie pflanzen sich Bienen fort? Tja… sie wachsen auf Bäumen?

Eine Vorstellung, die tatsächlich bis ins 17. Jahrhundert vorherrschte.

Erst mit Elizabeth I auf dem Englischen Thron konnte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Bienen eine KönigIN haben. Gut, die Angelsachsen wussten das vereinzelt schon, aber die strikt hierarchische Welt derer, die die damalige WIssenschaft prägten, konnte erst mit dem Buch „Feminine Monarchie“ von Charls Butler 1609 einsehen, dass Bienen ein Matriarchat sind.

Allerdings war Butler der Überzeugung, dass die Drohnen sich mit den Arbeiterinnen paaren. Die Königin hatte natürlich jungfräulich zu bleiben.

Nagut, 1609, seitdem hat sich doch wohl viel getan, oder?

Auch heute noch muss die Wissenschaft wieder und wieder gegen festgefahrene Ideen ankämpfen.

Nein, weibliche und männliche Gehirne sind nicht fundamental unterschiedlich.

In jedem Lehrbuch, in jedem Artikel über alte Zeiten, selbst in Fanatsy-Serien, die versuchen „historisch akkurat“ rüberzukommen, sind es die Männer, die Handwerk, Handel, Krieg treiben. Die Frauen sind oft noch nicht mal draussen zu sehen, und wenn, dann beim Einkaufen oder sich unterhalten.
Ganz zu schweigen von gruseligen Auswüchsen in Hollywood, wenn z.B. die Darstellung von Gewalt gegen Frauen mit „Damals war das halt so“ erklärt wird. Damals, als es Drachen gab, hmm?

Dabei war es in Wirklichkeit so, dass z.B. zu Beginn der Landwirtschaft Frauen so viel auf den Feldern gearbeitet haben, dass sie mehr Muskelmasse hatten, als heutige Athleten.
Alles andere wäre ja auch eine völlig unsinnige Ressourcenverschwendung gewesen!

Aber unter dieser bildlichen Schieflage, unter den patriarchalen Schranken in unseren Köpfen leiden wir alle, weil die Wissenschaft davon schlicht aufgehalten wird.

Mumien in Persien und Grabstätten in Skandinavien, in denen Waffen gefunden wurden, wurden konsequent als letzte Ruhestätten von Männern interpretiert. Heutige DNA-Analysen beweisen die Weiblichkeit einiger dieser Personen.

Selbst in der Literaturwissenschaft wird es haarig, wenn z.B. Herr der Fliegen von William Golding als Parabel über die Natur des Menschen interpretiert wird, obwohl es ihm um “the darkness in man’s heart” ging, obwohl die Handelnden konkret privilegierte, weiße Jungs aus dem System Britischer Privatschulen sind. Diese Identitäts-Faktoren sind wichtig für die Aussage des Buches.

Noch gruseliger wird es in der Psychologie.

Das Milgram-Experiment von 1961 Stanford-Prison-Experiment von 1971 zum Beispiel sollten Aussagen über menschliches Verhalten im Kontext der Gefangenschaft erarbeiten. Ich bin noch mit der Info aufgewachsen, dass diese Experimente bewiesen hätten, dass, wenn ein völlig zufällig ausgewähltes Machtgefälle erstellt wird, nahezu jeder Mensch, der in einen Kittel gesteckt und die Order bekommt, andere Menschen quälen wird.

Hier war es zwar nicht die Gender-Rollen-Brille, die die Methodologie dieser Experimente so schief augesetzt hatten, dass ihre Aussagen völlig anders liegen. Hier waren es die Erwartungen der Experiment-Leitungen, deren Wunschbilder, orientiert an den gesellschaftlichen Rollenvorstellungen. Die eigentliche Aussage dieser Experimente ist jedoch, dass extreme Rahmenbedingungen extremes Verhalten begünstigen. Die Natur des Menschen stand sozusagen gar nicht unter Beobachtung, sondern die Auswirkungen von Verhaltensmustern, gesellschaftlichen Normen und Erwartungen.

Den Mann als den Standard anzusehen, hat auch Auswirkungen auf die medizinische Forschung.

Hat sich mittlerweile überall rumgesprochen, dass die Symptome von Herzinfarkten bei Frauen anders sein können als bei Männern? Ich hatte jedenfalls noch „Schmerzen in Brust und im linken Arm“ im Kopf. Frauen werden jedoch eher müde, legen sich mal kurz hin, und, tja…
Von Fehldiagnosen zum Thema Autismus fang ich mal besser gar nicht erst an.

An dieser Stelle lieber mal wieder der Disclaimer: Nein, es geht auch hier nicht darum, dass „Männer böse“ wären. Ich bin es eigentlich müde, das zu erwähnen, aber auch das ist ein Bild, dass uns von fruchtbaren Debatten abhält: Feministen als Männerhasser.

Feminismus versucht, uns alle von Rollenbildern zu befreien, die uns einschränken, behindern, verletzen.

Bienen wachsen nämlich nicht auf Bäumen, sondern werden von einer Königin angeführt, die sich von Drohnen begatten lässt. Eigentlich ganz simpel.

Und absolut wunderbar, wie Bienen ganz generell.

Wusstest ihr, dass sie „Whuups!“ machen, wenn sie aneinander stoßen?

Bienen. <3

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1 Kommentar

  1. Sonja

    Witzig. Ich hatte den Titel beim ersten Lesen tatsächlich FALSCH gelesen. BIENEN-KÖNIGin! Tja, die Macht der Gewohnheit. Rollenbilder haben sich auch bei mir verfestigt 😉

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