Mein bestes Pandemie-Rezept: Ruhe gegen die Maschine

Hattet ihr auch eine Sauerteigbrotbackphase in dieser Pandemie? Ich nicht, aber das liegt daran, dass ich Sauerteigbrot gar nicht mag. Aber auch ich habe mehr gekocht und gebacken als je zuvor. Meistens Quiche, aus irgendeinem Grund… Und das alles nur, um dieser allumfassenden Desorientierung und Angst etwas Erdendes entgegenzusetzen. Und ja okay, ich pack euch das Quiche-Rezept unten dran. Aber es ist nur mein zweitbestes Pandemie-Rezept.

Das beste habe ich aus der internationalen links-grünen Ecke von TikTok:

Wie man sich gegen den Kapitalismus im eigenen Kopf stemmt

Ich hatte nach Hilfe gesucht, wie ich in einem System überleben kann, das allen meinen Überzeugungen völlig widerspricht, ohne Alkoholikerin zu werden.
Und Folgendes gefunden:
Die Kapitalismus-Maschine betreibt eine breite, psychologische Kriegsführung. Und zwar, indem uns Glaubenssätze eingetrichtert werden, an denen wir alles ausrichten sollen.

Die Maschine sagt: „Es liegt an dir, ganz persönlich!“

Vermutlich kennen alle diese Behauptung, wir könnten über unseren Konsum alles steuern. Angela Merkel so zum letzten Plastiktag: Liebe Leute, produziert doch mal weniger Plastikmüll! Also echt, ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Quadratmillimeter Plastikmüll produziert. Ich glaube, da braucht man spezielle Maschinen zu, in so Fabrikhallen. Was für eine Unverschämtheit.

Kaufst du die normalen Tomaten, solltest du dich schämen, ist ja gar nicht Bio. Die Bio-Tomaten sind aber in Plastik gewickelt, und die Angela hat doch extra noch gesagt…

Und dann das Essen, uiuiui. Wer, wie ich, fett ist, weiß ganz genau, dass man mit einem verstauchten Finger zum Arzt gehen kann und als erstes zu hören kriegt: Haben Sie’s schonmal mit Diät versucht?

Du duscht zu lang, fährst das falsche Auto, isst das falsche Zeug, bewegst dich zu wenig, arbeitest nicht hart genug, blablabla. Alles deine Schuld.

Dabei wissen wir ganz genau, welche 100 Unternehmen tatsächlich 71% der CO2-Emissionen verursachen. Und wer sich wegen Trinkwasser Sorgen macht, sollte eher Nestlé als die Dusche des Nachbarn beäugen.

Das Gegengift: Starke, gesunde Beziehungen aufbauen und pflegen

Dabei gibt es allerdings gerade bei den Grünen noch eine kleine Falle innerhalb der Lösung: Das Aktivismus-Martyrium. Auch die Grüne Sache liegt eben nicht an dir, ganz persönlich. Jedenfalls nicht nur. Natürlich muss man darauf achten, was man für Dinge von sich gibt, wenn man im Rampenlicht steht und eine ganze Partei vertritt.

Aber sich für die Parteiarbeit, für eine Stiftung, einen Verein bis in den Burnout hinein völlig aufzureiben, schadet mehr, als es hilft. Self Care first!

Auch und gerade, wenn…

Die Maschine sagt: „Tu es jetzt! Das Leben ist kurz! Nur heute: 70% Rabatt!“

Immer diese künstliche Dringlichkeit. Alles Unsinn. Gerade da lauert aber natürlich beim sozialen Engagement die Falle, dass wir für unsere Reaktion auf den Klimawandel ja eigentlich schon vor Jahrzehnten etwas hätten tun müssen. Und wer sich z.B. in der Flüchtlingshilfe engagiert, hat tatsächlich Situationen vor sich, die nicht warten können.

Das Gegengift: Mach mal langsam.

Mindestens einmal durchatmen geht aber immer. Dann kann man auch leichter unterscheiden, was wirklich sofort Aktivität braucht und was mehr Ruhe braucht, weil es sich um einen Marathon handelt, den man schlicht nicht durch-sprinten kann.

Innehalten und das Ganze nochmal in Ruhe anschauen hilft auch, wenn…

Die Maschine sagt: „Du brauchst das! Unbedingt!“

Speziell in einer Pandemie, und/oder wenn die Gehirnchemie sowieso Probleme mit der Produktion von Glückshormonen hat, trifft da Online-Shopping häufig direkt ins Schwarze…

Das Gegengift: Selbstwirksamkeit und Kontrolle das betreffend, was du benötigst

Die Maschine sagt: „Mehr ist besser!“

Kennen wir alle: Schneller, weiter, höher, besser, mehr.

Das Gegengift: Qualität statt Quantität.

Leider hat die Maschine aber häufig direkt auch solche Gegengifte im Hinterkopf. Wirklich faire Kleidung zu kaufen, hat z.B. einen happigen Preis, den sich ein großer Teil der Bevölkerung gar nicht leisten kann. Und von geplanter Obsoleszenz möchte ich gar nicht erst anfangen…

Wenn es also nicht schnell gehen sollen muss, man nur das haben möchte, was man benötigt, Qualität vor gehen soll und man vielleicht schon eine gute Nähmaschine besitzt, kommt man schnell drauf, die eigene Kleidung selbst herstellen zu wollen. Qualitativ hochwertiger Stoff ist aber unter Umständen teurer als fertige Kleidung. Perfide und als Einzelperson nicht auszuhebeln – da lieber die Energie in eine Mithilfe in Richtung systemischen Wandel stecken. Ich mein, ich nähe trotzdem, weil es mir Freude bereitet, aber die Fast Fashion Industrie berühre ich damit nicht.
(Muss ich ja aber auch nicht, siehe weiter oben.)

Die Maschine sagt: „Perfektion ist erreichbar!“

Das Gegengift: … einfach: Nö.

Also okay, Perfektion ist vielleicht nie real erreichbar, aber immerhin könnte ich besser als die Nachbarn, Kollegen, Bekannten, Freunde, Feinde sein, das geht doch bestimmt! Die Leiter hochklettern, erfolgreich sein!

Die Maschine sagt: „Hierarchie hilft!“

Hierarchien erstellen Orientierung, heißt es. Das mag auch sein. Aber klopft mal die Hierarchien in eurem Leben daraufhin ab: Wo liefern sie das tatsächlich? Und wo arbeitet man vielleicht auch bei einem Wissens-, Erfahrungs- oder Fähigkeits-Gefälle trotzdem auf Augenhöhe besser?

Klar hat die Lehrkraft im Klassenraum das Sagen. Dort wird aber auch ein enormer Wert dafür geliefert. Meist ist es jedoch eher so: Von innen sieht das Hamsterrad immer aus wie eine Leiter.

Das Gegengift: Sich dem Wettbewerb verweigern

Wenn man das schafft, landet man aber potenziell direkt im nächsten Glaubenssatz:

Die Maschine sagt: Produktivität macht dich wertvoll!

Wenn man sich schon nicht an anderen messen soll, kann man doch wenigstens die eigene Produktivität messen!

Kann man, klar. Aber daraus ergibt sich einfach kein moralischer, ethischer oder sonst wie gelagerter Wert.

Das Gegengift: Der Wert eines Menschen ist bedingungslos.

Wir müssen konstant das Verständnis für das, was Menschen ausmacht, über das eigene Selbstverständnis hinaus erweitern.

Jeder Mensch ist wertvoll und sollte Zugang zu persönlicher Behausung, gutem Essen, einer kompetenten Gesundheitsversorgung und sozialem Umgang haben – ob körperlich eingeschränkt, Online-Broker, drogensüchtig, alleinerziehend oder Fachkraft, alles völlig irrelevant für diese Bewertung.

Daran, wie radikal das klingt: „Jeder Mensch sollte gut essen dürfen“ – daran erkennt man, wie tief die Kapitalismusmaschine sich in unsere Köpfe gegraben hat.

Aus der Verkoppelung vom Wert der Menschen mit deren Produktivität ergibt sich ganz widerlich: „Dehumanisierung ist notwendig für Fortschritt.“ DER Glaubenssatz des Kapitalismus. Um als Gesellschaft voranzukommen, müssen wir angeblich ganzen Gesellschaftsteilen ihre Menschlichkeit absprechen, sie weniger ernst nehmen, wertschätzen.
Man merkt hier auch, warum wir den Faschismus nur loswerden, wenn wir uns vom Kapitalismus abwenden.

Wut und Empörung werden dann auch noch finanziell verwertbar gemacht (ganze Produkte und Parteien basieren ausschließlich darauf, dem Wutbürger das Geld aus der Tasche zu locken *hust*Bild*hust*) und Individualismus isoliert uns voneinander, vermittelt uns ein fundamentales Gefühl der Hilflosigkeit.

Dagegen hilft nur, dem Nachbarn zu vertrauen. Gemeinschaft aufzubauen.

Absolut gar keinem Glaubenssatz eine Plattform zu geben – auch nicht und gerade nicht im eigenen Kopf – der menschliches Leben abwertet.

Um all das zu tun, brauchen wir die Autonomie und Freiheit, uns in bedeutsamen sozialen und physischen Ereignissen zu engagieren. Umso tragischer, dass die Querdenker mit ihrem ja eigentlich richtigen Bauchgefühl, dass fundamental etwas schief hängt in unserem System, so sehr in die falsche Richtung schauen.

In der Pandemie ist aber genau das – sich in bedeutsamen sozialen und physischen Ereignisse engagieren – schwer bis unmöglich. Und man darf durchaus mit Unbehagen beobachten, wie wieder und wieder verpasst wird, die richtige Strategie anzuwenden, um die Pandemie zu beenden. Der Kapitalismus ist nun mal der Meinung, dass für Profit gewisse Verluste an Menschenleben akzeptabel sind.

Was mir Hoffnung gibt, ist, dass der Großteil der Bevölkerung das anders sieht. Die Empörung ist groß, die Kritik an den Regierungen ebenso. Nun müssen wir den Marathon durchstehen und die Müdigkeit nicht siegen lassen.

Lasst euch nicht kirre machen, lasst euch nicht hetzen, lasst euch nicht erzählen, welchen Erfolgen ihr nachzujagen habt. Redet mit euren Nachbarn. Blendet die Dissonanz zwischen Mensch und Maschine nicht aus, aber geht auch nicht an ihr zu Grunde.

Ich kämpfe genau den gleichen Kampf in meinem Kopf.
Du bist nicht allein.

Und probier‘ mal die Quiche hier aus, die ist super:

  • Teig: 250g Mehl, 160g eiskalte Butter, 1 Ei oder 6 Esslöffel Wasser, Prise Salz – verkneten und 30 Minuten in den Kühlschrank.
  • Füllung: Geriebene Möhre, gehackte Zwiebel, Salz, Pfeffer und Kräuter in der Pfanne vorgaren; Lachs und Porree vorgaren (oder noch mehr Gemüse für die Veganer); jeweils salzen/pfeffern und mit Mehlschwitze oder Ei-Schmand-Mischung und ordentlich Käse in eine Kuchenform füllen.
  • Bei geringer Hitze (so 180°C) ca. eine Stunde backen. Wenn ihr Ei in der Füllung habt, ist die Quiche durch, wenn die Mitte sich hebt.

2 Kommentare

  1. Liebe Frederike, danke für deine Gedanken. Alle meine Synapsen habe deine Worte aufgesogen. Gemeinschaft und Ruhe gegen die K-Maschine. Ich denke jetzt erstmal darüber nach…

  2. Liebe Frederike, danke für Deinen tollen Text, der mir sehr gut tat und den ich fand, als ich heute im Netz schaute, welche aktuellen Spuren es von Dir gibt, denn Du hast heute Geburtstag und ich gratuliere Dir von Herzen und wünsche Dir alles Gute und einen wunderbaren Tag und werde sicher mal das Quiche-Rezept probieren. Und ich werde häufiger hier reinschauen.

    Herzliche Grüße von Arndt

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