Wie beginnt Feminismus? Für mich zwischen zwei Buchdeckeln!

Eigentlich sind ja die Männer und ihr Verhalten Ausgangspunkte dafür, dass Frauen zu Feministinnen werden: Verbale An- und Übergriffe, geile Blicke, abfällige Bemerkungen über andere Frauen und Mädchen, nicht thematisierte sexualisierte Gewalt, männlich besetzte öffentliche Räume, sexistische Diskurse…

Wie diesem Status Quo begegnen? Als Mädchen, als junge Frau?

Gott sei Dank gab es sie für mich die Vorbilder, Frauen, die Mut machten, anders waren, sich widersetzten und es gab Bücher, die mir den Weg wiesen. Vor-Bild-Bücher?

Vor-Bilder. Sind das Bilder, Menschen, die existieren, bevor ich sie wahrnehme? Sie werden zu Leitbildern, die mich zum Nachdenken und Nachahmen bringen. Sie offenbaren wertvolle Ideen, die ich in mein Leben einbaue,  die ich weiterentwickle, bis sie ein echter Teil von mir sind. Genauso funktionierten für mich Vor-Bild-Bücher, als ich jugendlich war.

Als Mädchen war ich Fan von Hanni und Nanni. Sie lebten in einer Welt, die war heil. Es war eine Internats-Story in 15 Bänden ohne Familienzwist und Geldsorgen. Probleme waren nur so lange da, wie ich es aushalten konnte. Im Nu gab es eine rosarote, zuckersüße Lösung. Herrlich! Ich verabscheute die Jugend-(Problem-) Literatur, die man mir in der Pubertät anbot. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und „Warten bis der Frieden kommt“: Nicht mein Ding. Lieber beschäftigte ich mich mit den Verheißungen des Verknalltseins, mit den tollsten Jungen der Klasse, den Auftritten meiner Lieblingsband, dem coolsten Modetrend.

Doch dann kam da so ein Unbehagen auf.

Mein Leben schien nicht zu laufen wie bei Hanni und Nanni, keine heimlichen Mitternachtspartys im Internat, keine zuckersüßen Lösungen. Stattdessen: begehrliche Blicke der Männer, die ich abscheulich fand. Sexistische Sprüche, Anmache und ekliges Angegrabsche folgten, mein Unbehagen wuchs. Mit Freundinnen darüber sprechen? Nicht möglich. Die hatten sicher solche Probleme nicht. Die hatten ja schon einen Freund. Bei denen lief es.

Woran sich orientieren? Dr. Sommer in der Bravo thematisierte solche Angelegenheiten nicht. Da ging es lediglich um Partys, Penis und Petting.

Einige Jahre später, als 16-Jährige schon durch die Abrüstungsdebatte, die Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung politisiert, war ich zu Besuch in einer Landkommune (wie aufregend und cool!) und von dort aus schleppte mich eine angehende Pastorin mit zu einer feministischen Lesung ins Audimax der benachbarten Universitätsstadt. Ich war von den Socken: Da trafen sich zur Abendzeit hunderte von Frauen, nur um zwei Autorinnenn zuzuhören. Es waren Edith Schlaffer und Cheryl Benard, zwei feministische Soziologinnen, die da lasen. Mehr noch als die Inhalte – es ging um „ Den Mann auf der Straße“, „Grenzen des Geschlechts“ und um „Liebesgeschichten aus dem Patriarchat“ – faszinierte mich der Anblick dieser vielen selbstbewussten, kämpferischen Frauen. So viele gab es von denen! Wow! Da wollte ich dabei sein und so stark sein wie sie.

„Lesende Frau“ – Lovis Corinth, ca. 1888

Kurze Zeit später gelangte eine feministische Utopie zwischen zwei Buchdeckeln in meine Hände: „Die Töchter Egalias“ von Gerd Brantenberg. Das war ein utopischer Gesellschaftsroman, in dem Männer mit „Penishaltern“ sich bei möglichst vermögenden und einflussreichen Frauen anbiederten, die die Welt regierten. Eine ver-rückte Welt. Ein Matriarchat. Ich war fasziniert! Ein Gegenentwurf zur häuslichen Spießigkeit zwischen Sonntagsbraten und Rasenmähen. Keine männlichen Übergriffe. Großartig!

Der nächste Roman aus dieser Liga holte mich zurück ins Hier und Jetzt: In Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“ geht es um eine komplizierte Liebesbeziehung zwischen Svende und Arne, der zwar schöne brauen Augen hat und auf der Gorleben-Demo stets in der ersten Reihe steht, aber in Beziehungsfragen nicht akzeptabel ist. Einfach nicht feministisch genug, ein Chauvi, ein Schwein. Zack. Fertig. Da lernte ich, eine Frau kann den Rahmen vorgeben, kann ihrem Sexualpartner zeigen, wo es langzugehen hat. Sie setzt die Rahmenbedingungen, macht er nicht mit, gibt es weder Sex noch Beziehung.

So einfach ist das – zumindest in der Literatur.

Im echten Leben gestaltete sich die Beziehungsanbahnung schwieriger. Ich hielt wacker Ausschau nach den neuen, strickenden, Latzhose tragenden jungen Kerlen, die gut aussahen, aber trotzdem nicht zu forsch auftraten. Schlau musste der Märchenprinz sein, politisch irgendwie links und am besten langhaarig. Aber die meisten ritten an mir vorbei.

Trotz bester literarischer Vorbereitung geriet ich des nachts als Tramperin auf einer Landstraße in eine bedrohliche Situation. Die beiden mitfahrenden Männer bedrängten mich, ich wusste mich nur durch lautes Schreien zu wehren. Das Ganze endete für mich im Straßengraben. Die Grabscher hatten mich aus ihrem VW-Bus geschmissen, während der Fahrt.

Zu laut geschrien, die Furie.

Nochmal Glück gehabt. Wohin aber mit dieser traumatischen Erfahrung? Nicht zu meinen Eltern, die mir das Trampen strikt untersagt hatten. Die Haltung meiner Eltern kannte ich nur zu gut: „Wer als Frau trampt, ist schließlich selber schuld, wenn sich Männer an ihr vergreifen.“  Ich vertraute mich meiner Deutschlehrerin an. Sie war eine emanzipierte Frau, die uns Mädchen stets zu Selbstbewusstsein und klarer politischer Haltung ermunterte. Ich erklärte ihr, was mir widerfahren war, weswegen ich völlig durcheinander war. War ich schuld, hatte ich mich falsch verhalten? Was hätte ich anderes tun können? Musste ich als junge Frau  von nun an abends die Straße meiden? Nein. Natürlich nicht!
Sie gab mir nach einem tröstenden, aufmunternden Gespräch zwei Buchtipps, die mein weiteres Leben deutlich prägen sollten.

Zu Weihnachten wünschte ich mir von meinen irritierten Eltern „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ von Alice Schwarzer und „Unser Körper – unser Leben“ („Our bodies – ourselves“). In diesem Handbuch von Frauen für Frauen versammelten sich alle Themen von erster Liebe bis Wechseljahre, von Verhütung bis häuslicher Gewalt, von Frauenhaus bis Hochschulstudium mit Kind ausschließlich aus weiblicher, emanzipierter Sicht. Frauen kamen zu Wort, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Tabu wurde offen über all das gesprochen, über das ich mir Gedanken machte: sexuelle Selbstbestimmung, Frauengesundheit, Rollenverteilung, Frauenpolitik, Emanzipation, gewaltfreie Beziehungen.  Für diese Lesetipps – es sollten noch viele weitere folgen – bin ich meiner Lehrerin bis heute dankbar. Sie ist für mich ein Vorbild. Vielleicht bin ich deswegen Lehrerin geworden. Ebenso wurden Bücher zu „Vor-Bild-Büchern“. Sie gaben den Startschuss, sie kickten mich aus meiner engen Kleinstadtwelt mit Kittelschürze und Chauvinismus in ein Universum, in dem für Frauen das Unmögliche möglich zu werden schien.

Und heute? Was haben diese Bücher mit ihren Ideen mit mir gemacht? Ich habe nach vielen Fehlversuchen erst mich und dann den Traumprinz gefunden. Er hat keine langen Haare und trägt keine Latzhose, aber wir lieben uns und begegnen uns auf Augenhöhe. Meine Kinder habe ich versucht ohne Rollenklischees zu erziehen und es sind aus ihnen tatsächlich kritische, politisch denkende und hoffentlich glückliche Menschen geworden, die wie ich die Welt verändern wollen. Ich selbst begegne Männern heute selbstbewusster und offener. Einige von ihnen sind sogar Feministen und denen, die es nicht sind, falle ich oftmals ins Wort und streite mit ihnen.
Dafür bin ich bekannt:

Klappe halten ist nicht meine Stärke.

Auch bei den Grünen mache ich das so. Da gibt es genderpolitisch immer noch dicke Bretter zu bohren – hin und wieder. Aber das macht Spaß. Wir sind ja viele und es liegt noch ein langer und erfolgreicher Weg vor uns.

Und nun bist Du dran.
Wie bist du zum Feminismus gekommen? Welches waren deine Vorbilder, deine Vor-Bild-Bücher?
Schreibe selbst einen Blog, kommentiere meinen Text und teile ihn mit anderen Frauen!

Sonja

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