Literaturtipps

Adler-Olsen, Jussi: Die Kommisar Mørck Reihe, 4. Band: Verachtung. dtv Verlag

Nicht jede*r mag Krimis der Gattung ‚Scandinavian noir‘.  Tatsächlich zählte ich mich bis vor einigen Wochen auch nicht zu den Fans dieser Gattung. Jussi Adler Olsens Kommissar Mørck-Reihe hat das geändert. Nach einem traumatischen Unfall im Dienst wird dem notorisch schlecht gelaunten, wortkargen Kriminalinspektor Carl Mørck das neu gegründete ‚Dezernat Q‘ übertragen. Abgeschoben in den Keller des Kopenhagener Präsidiums bearbeitet er fortan ungelöste, meist lang zurückliegende Kriminalfälle „von großem öffentlichem Interesse“.
In Mørcks viertem Fall geht es um fünf Menschen, die 1987 auf mysteriöse Weise verschwanden. Hinter diesem Verschwinden steht eine Frau, deren Geschichte untrennbar mit einem düsteren, weithin unbekannten Kapitel dänischer – wie europäischer – Geschichte verbunden ist: Auf der Insel Sprøgo wurden in den fünfziger bis siebziger Jahren Frauen ‚loser Moral‘  und vermeintlich geminderter Intelligenz interniert und in vielen Fällen zwangssterilisiert. Die Hauptfigur, Nete Hermansen, ist eine von ihnen. Unverschuldet aus ihrer armen Familie und der dörflich-konservativen Gemeinschaft ausgestoßen, landet sie durch einen fanatisch der Eugenik anhängenden Arzt auf Sprøgo, wo sie von Wärterinnen und Mitinsassinnen misshandelt und missbraucht wird. Erst nach ihrer Sterilisierung endet ihr Martyrium und sie wird entlassen und beginnt ein (fast) ganz normales Leben – bis der Mann, der alles auslöste, wieder in ihr Leben tritt und es endgültig zerstört. Dem Autor gelingt es, dass man als Leser*in selbst vom in schlichten Worten und in Ich-Perspektive geschilderten Leid der Hauptfigur absorbiert wird, dass man ihre Rache fast genießt – und so das eigene Gefühl von Moral und Gerechtigkeit kritisch hinterfragen muss. Auch der Kommissar und sein Team bestehend aus Rose/Yrsa und dem erschreckend effizienten und doch kindlich anhänglichen Assad werden von ihrem Fall so in Mitleidenschaft gezogen, dass auch die Auflösung des Falls keine Erlösung bringt. Ein Happy End bleibt den Figuren hier – wie in fast allen Mørck Romanen – verwehrt.
Durch die enge Taktung der Ereignisse und das schrittweise, äußerst mühsame Graben der Ermittler ist der Thrill für den Lesenden beträchtlich, doch wird der Spannung nie die Glaubwürdigkeit und Tiefe der Charakterporträts geopfert. Im Gegenteil: Die Figuren bewegen tief und machen Lust auf mehr. Kaum ein Autor schafft in seinen Kriminalfällen, ein so chirurgisch-präzises Bild menschlicher Abgründe, ebenso wie des schleichenden Verfalls unserer liberal-demokratischen Gesellschaft zu zeichnen. Nicht zufällig rangieren rechte Bewegungen, Parteien und Charaktere ganz weit oben unter den Hauptfiguren von Mørcks Fällen. Die vermeintlich größere gesellschaftliche Gleichberechtigung und Freiheit dänischer und allgemein skandinavischer Frauen erscheint aus der Perspektive der Romane nur oberflächlich. Denn Männer – und ja, auch Frauen – die diese starken Frauen erniedrigen und zerstören wollen, gibt es in den Romanen dieser Reihe zuhauf. Und fast immer gelingt es ihnen, die Frauen ihrer physischen und/oder psychischen Freiheit zu berauben. Aber Adler Olsens weibliche Figuren sind (fast) nie nur gut oder böse. Und oft sind sie beides zugleich, Opfer und Täter*innen. Selbst der Kommissar als kluger aber lethargischer Getriebener verblasst vor ihrer Intensität und Kraft. So prallt sein romantisches Interesse meist auf ein Gegenüber, das ihm weitaus überlegen ist. Und im Grunde seines Herzens weiß Mørck – ganz old white man – genau, dass er der Zeit und den Rollenbildern heillos hinterherhinkt. Letztlich mag man angesichts der Hoffnungslosigkeit, die Mørcks Fälle offenbaren, verzweifeln – lesen sollte frau sie dennoch unbedingt. gryffin

Zeniter, Alice: Die Kunst zu verlieren. Piper Verlag

Die Autorin ist 1986 in Frankreich geboren und stammt aus einer Familie, die Algerien in den 50er Jahren noch vor dem Algerienkrieg verlassen hat. Die Erzählerin führt uns in die Familiengeschichte Naimas ein, die eben einen solchen familiären Hintergrund hat. Naïma ist Französin, weiß aber nichts über die schmerzhafte Migrationsgeschichte ihres Vaters und ihrer Großeltern, leidet unter dem Schweigen sehr. In einer detaillierten Recherche deckt die Erzählerin die Geschichte des Großvaters, der Algerier war, bis er in der französischen Kolonie für die Franzosen in den 2. Weltkrieg zog und später gegen die algerische Befreiungsarmee kämpfte, auf. Nur mit Glück entkam er und seine Familie deren Rache, floh nach Frankreich, wo die Familie über Jahre in elenden Verhältnissen weggesperrt wurde. Eine spannende und erschreckende Geschichte der französischen Kolonialisierung, eine Migrationsgeschichte, die heute total aktuell ist und eine Geschichte über weibliche Identitätssuche zwischen arabischen Wurzeln, Anpassungszwängen an mitteleuropäischen „Normen“ und feministischer Wut. Mein Fazit: In sehr poetischer Sprache wird hier schonungslos offengelegt, wie Rassismus, Antifeminismus und Kolonialisierungsgeschichte ein Netz der Unterdrückung und Ausgrenzung weben, das „weiße“ Mitteleuropäer*innen, also auch Feministi*innen sich kaum ausmalen können. Absolut lesenswert und aufschlussreich! Sonja

Kühne, Fränzi: Was Männer nie gefragt werden – Ich frage trotzdem mal Fischer Verlag

„Von Männern lässt man sich die Welt erklären, Frauen dagegen müssen beweisen, dass sie sie verstanden haben.“ (Fränzi Kühne – Buch S.186) Dieses Gedankenspiel Fränzi Kühnes beschreibt ganz treffend, zu welchen Schlussfolgerungen sie im hier präsentierten Buch kommt. Kühne ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Social Media-Firma TLGG (gewesen), Mama, Autorin und wurde Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. So im plötzlichen Interesse der Gesellschaft gelandet, stellte sie schnell fest, was es immer noch heißt, als Frau derlei Posten zu bekleiden. Viele Interviews wurden gegeben und mit fast jedem stieg die Frustration. Von obligatorischen Fragen zum Aussehen über die Vereinbarkeit mit der Familie gipfelten manche Interviews in der rhetorischen Frage, ob sie den Posten der Aufsichtsrätin nur bekam, weil sie eine Frau ist. Kühne legt das Brennglas auf vergleichende Interviews mit erfolgreichen Männern der Chefetage. Und lädt diese zum eigenen Gespräch ein. Ob Heiko Maas, Gregor Gysi oder Prinz Pi – sie folgen ihrer Einladung und finden sich mit ebendiesen grenzüberschreitenden Fragen konfrontiert. Interessant ist dabei, ihrem Unwohlsein, ihrer Verblüffung, aber auch ihrer Selbsterkenntnis zu folgen. Denn die mündet nicht selten in der Feststellung, dass ihr Erfolg nur durch eine zurücksteckende Frau an ihrer Seite möglich war. Fränzi Kühnes Buch ist ein Aufruf an den festgestampften Grundfesten des Patriarchats beständig zu rütteln. Denn Strukturen zu erkennen ist eine Sache, andere dafür zu sensibilisieren eine andere. Und sie zu verändern kann ein ganzes Leben dauern. Also fangen wir an, für unsere Töchter. Cindy

Brandes, Tanja und Decker, Markus: Ostfrauen verändern die Republik. Ch. Links Verlag

Dieses Buch hat mich als Kind des Ostens sehr beeindruckt. Wahrscheinlich ist vielen Frauen meiner Generation gar nicht bewusst, welches Erbe ihnen durch die DDR in die Wiege gelegt wurde. Das vorliegende Buch beleuchtet durch Interviews mit bekannten und weniger bekannten Frauen der DDR, quer durch alle Berufsgruppen, deren Prägung durch das DDR-Bild der Frau – wie sie durch die Wendezeit kamen, sich im neuen kapitalistischen System zurechtfanden und kritisch, aber auch stolz, auf ihr DDR-geprägtes Frauendasein zurückblicken. Keineswegs lohnt sich diese Literatur nur für „Ostfrauen“. Das Zusammentreffen mit Feministinnen aus dem Westen, deren Prägungen und das erste Vergleichen der Werte sowie die Einheit aus beidem Mitgebrachten bis heute sind äußerst lesenswert. Toll auch der abschließende Blick auf die Männerwelt zur Wendezeit! Für mich erschloss sich beim Lesen des Buches ein bisher wenig wahrgenommenes Erbe, der veränderte Blick auf die Frauen meiner eigenen Familie, ein gewisser „Aha-Effekt“ und nicht zuletzt auch ein Gefühl des Aufbruches und des Mutigseins. Sehr lesenswert, unterhaltsam und dabei objektiv genug, um den Leser:innen eigene Erkenntnisse zu ermöglichen. Cindy

Brantenberg, Gerd: Die Töchter Egalias – Ein Roman über den Kampf der Geschlechter. Verlag Frauenoffensive

Ein Roman über die vertauschten Geschlechterrollen. Das peinliche Gebaumel zwischen den Beinen versuchen die Männer mit einem PH (Penishalter) zu bändigen. Sie schämen sich ihres Bartwuchses, ihres ausfallenden Haupthaares im Alter und der in der Pubertät dunkler werdenden Stimme. Den Frauen werden sie nie das Wasser reichen können… Eine ironische Utopie, die mich in meiner Pubertät super begeistert hat. Frederike

Merian, Svende: Der Tod des Märchenprinzen. Rowohlt Taschenbuchverlag

Dieser Roman bietet einen super Einblick in die Zeit der achtziger Jahre: WG, Demos, Frauengruppen. Mittendrin die verknallte Svende, die versucht mit Arne eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Aber es klappt nicht. Sie entlarvt die Klischees vom Märchenprinzen. Außerdem ist Arne politisch zwar super korrekt, demonstriert in Gorleben mit, ist auch irgendwie links, aber eben nicht feministisch genug. Ein langes Hin und Her folgt und die beiden ringen um eine irgendwie „entzauberte“ Partnerschaft. Arne antwortet mit seinem Roman wenige Jahre später und verarbeitet so einen Eindruck der Beziehung mit dieser kritischen Feministin. Frederike

Piewitz, Arne: Ich war der Märchenprinz. Buntbuch Verlag

Aus heutiger Sicht haben sich die Träume vom „Märchenprinz“ nicht geändert. Viele träumen heute noch von einer gleichberechtigten Beziehung. Ich finde es gut, wie die beiden Protagonisten versuchen ehrlich mit ihren Wünschen und Ängsten umzugehen. Für mich waren diese Romane als junges Mädchen sehr erhellend. Frederike