Was übrig blieb

Die Sache mit Gott

… Hände in den Taschen, Gesicht im Mantelkragen, To-Do-Listen im Hirn, Kind an der Hand: 7:55 Uhr. Die Kita wartet nicht. Der Tag wartet nicht. Hart am Wind segeln zwei auf ihren Rädern durch bleigraue Straßen. Ein Mensch schnauft. Einer summt.

„Wir kommen wieder zu spät. Tritt in die Pedale!“ 

„…sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina…Sie jagen im Wind…“

„…und ruhig etwas schneller.“  Mama hatte die dumme FFP2-Maske vergessen. Mal wieder.

„…reiten geschwind…“

„Achtung – MÜLLTONNE!!!“

„…weil sie Freuuuuuunnnnnde sind…!“  Bumm.

„Warum muss die doofe Tonne hier stehen?!!!“ 

„Sorry, tut mir leid Schatz. Mist. Ich hab sie zu spät gesehen.“

 Es geht weiter. Nun wieder deutlich langsamer.

„Du Mama?!“

„Hm?“

„Ma-MA!!“ Achtung Ausrufezeichen.

„Ja mein Schatz?!“
„Ich will, dass das doofe Corona vorbei geht.“  

Ach ja. The big ‚C‘ – schon wieder…Zeit für Allgemeinplätze.

„Ach ja. Weißt Du, das wünschen sich eigentlich alle Menschen.“ Es klingt hohl. Hoffentlich nur in meinen Ohren.

„Und warum macht Gott es dann nicht einfach?!“

„Tja. Also – ähm…das ist ein bisschen kompliziert.“ Wo soll ich anfangen?

„Warum???“

„Weil…Ja, also weil Gott diese Krankheit nicht gemacht hat, kann er sie eben nicht einfach verschwinden lassen.“

„Wieso? Er kann doch ALLES!“  Oha. Evangelische Kita hin oder her – ein Schuss Realität ist nun doch angebracht. Also ein ganz kleiner wenigstens.

„Naja. Weißt Du, die Menschen müssen auch wollen.“ Ein fragend-verwirrter Blick.

„Aber wir WOLLEN doch!“  Ha. Schön wär’s, mein Liebling.

„Naja. Nicht alle Menschen denken gleich. Ansonsten wären ja alle Menschen vorsichtig. Und sie würden sich impfen lassen. Aber nicht alle Menschen wollen das.“

„Was? Warum nicht???“ Überraschung und Verständnislosigkeit malen einen schrägen Strich quer über die Stirn – direkt über der Nasenwurzel.

„Das ist schwer zu sagen. Ich denke, sie haben unterschiedliche Gründe.“ Stille. Nur das leise Surren der Fahrradketten im Wind ist zu hören.  

„Gegen den Willen der Menschen kann Gott auch nichts machen, weißt Du.“

„WAS??? Aber er ist doch GOTT!“ Die Miene verfinstert sich zusehends.
„Grmpf.“  Im Gehirn mahlt es. Die Lippen sind gespitzt, Wut gesellt sich zu Ratlosigkeit.

„Das finde ich blöd! Total blöd!“  Ein tiefes, schnaufendes Seufzen.

Precisely my sentiments.

„Ja. Das finde ich auch.“

Plötzlich blitzt etwas in den Augen – die Miene erhellt sich schlagartig.

„Ich hab’s!“

„Hm – ja?“

„Es ist doch ganz EINFACH!“

„Ach ja? Wirklich?“ Mutter hebt die Augenbrauen. Jetzt wird es interessant…

„Klar doch! Also, Gott muss sich ganz fest wünschen, dass er eine Frau wird!“ Möglicherweise war das Gespräch zum Thema Geschlechtsidentität neulich doch etwas zu ausführlich? Oder zu früh?

„Was? Eine Frau? Warum soll er denn eine Frau werden???“
„Ach Mama, wenn Gott eine Frau wird, dann ist Corona ganz schnell vorbei!“

„Wie das???“  Ein Ausdruck klarer Überlegenheit steht jetzt über das ganze, kleine Gesicht geschrieben.

„Das ist doch ganz klar Mama:  Frauen können einfach ALLES!“

02/2022 gryffin